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Marlon und Melanie lieben es über alles, ihren Opa zu besuchen: In seinem übervollen Haus leben nicht nur Schwämme vom Großen Terrier Riff und die Riesenspinne Eleonora (zum Glück eine Vegetarierin), sondern auch der wunderbare Kulinarische Collie Tschakka-Lakka. Außerdem kann Opa die tollsten Geschichten erzählen, denn er hält unfassbar viele ungewöhnliche Weltrekorde. Am spannendsten ist es natürlich, dabei zu sein, wenn Opa wieder einen Rekord aufstellen will. Und das will er heute: Mit einem Luft-und-Liebe-Getränk möchte er der leichteste Mensch der Welt werden. Und es klappt! Besser als erhofft! Doch dann wird Opa ernst und berichtet Marlon und Melanie von seinem Arztbesuch. Der Arzt hat ihm mitgeteilt, dass er nur noch vier Wochen zu leben hat. Wie praktisch, fällt dem Opa da ein, dass der Trank so hervorragend wirkt. Denn: Lieber wegfliegen als leichtester Mensch der Welt, als jetzt hier sterben zu müssen, oder? Das sehen Marlon und Melanie ein, auch wenn sie schrecklich traurig sind. Doch für sie bleibt eine wichtige Aufgabe zurück, mit der sie im selben Atemzug einen eigenen Weltrekord aufstellen können...

Orths hat viele sehr unterschiedliche Bücher veröffentlicht, darunter auch schon einige für Leseanfänger im Moritz Verlag. In diesem aber läuft er zur Höchstform auf: Selten findet man so viele herrlich hanebüchene Weltrekorde und Reisemitbringsel wie bei diesem Opa. Und das tollste: Der Unsinn darf unwidersprochen so stehen bleiben, niemand erklärt hier irgendetwas als Fantasiegebilde, als eingebildet oder zusammengeflunkert. Klasse! Dann hole ich mir jetzt ein paar Kulinarische Collie-Zwiebeln!

Markus Orths/Kerstin Meyer: Opa fliegt. Moritz Verlag 2022, 11.95 €

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Was für eine Wohltat! Seit Lyrik wieder im Trend ist, erscheinen vermehrt Bilderbücher in gereimter Form oder Gedichte für Kinder. Nicht wenige Autor*innen denken dabei offenbar entweder, für Kinder muss es ja nicht ganz so perfekt sein, oder sie können einfach nicht gut reimen. Es ist jedenfalls leider häufig eine Zumutung, diese holprige Verse und schiefen Reime Kindern gut vorzulesen. Ganz anders Coco Stolperbein! Jörg Hilbert ist ein Meister der Dichtkunst, man merkt es schnell: Hier stimmt jeder Vers, jeder Reim, jeder Rhythmus (so gut, dass einem der einzige Tipp- oder Druckfehler sofort auffällt), so dass es eine Freude ist, das Buch laut (vor) zu lesen. Und dazu sind die Verse witzig, spritzig und komplex, die Wortwahl ungewöhnlich und anspruchsvoll. Und als ob das nicht schon reichen würde für ein gelungenes Bilderbuch: Der Inhalt stimmt auch. Hilbert erzählt eine herrliche Geschichte über eine sympathische Familie, in erster Linie die Tochter Coco, die das Leben von zwei Spießern umkrempelt. Man sieht sie vor sich nach den ersten Sätzen, in ihrem ordentlichen Haus mit zu Tode gestutztem Vorgarten und glänzendem Auto: Frau Richtig und Herr Wichtig. Das Haus ist sauber und ruhig – bis Familie Stolperbein einzieht... Was aber ist mit den Illustrationen, schließlich handelt es sich um ein Bilderbuch? Kaum zu glauben, aber der Dichter Jörg Hilbert ist auch der Illustrator – und auch das kann er hervorragend: Einprägsame Figuren, schöne, gedeckte Farben, klasse Bildaufteilungen, kein Schnickschnack zu viel. Sonst noch etwas? Ja! Wenn Jörg Hilbert wollte, könnte er das Buch zu allem Überfluss auch noch singen und sich selbst dazu auf einer Laute begleiten. Früher nannte man solche Menschen Universalgenies, das sind sie wohl auch heute noch. Insgesamt also ein großer Wurf, der es zurecht auf die Shortlist für den Literaturpreis Ruhr 2022 geschafft hat. Wenn man unbedingt eine Kleinigkeit bemängeln wollte, könnte man anbringen, dass der Titel ein wenig in die Irre leiten mag: Zusammen mit dem stolpernden B scheint der Name Coco Stolperbein, der an Hinkebein erinnert, auf eine Geschichte über ein hinkendes Kind zu deuten. Aber: Und wenn schon. Wer's liest, ist danach schlauer.

Jörg Hilbert: Coco Stolperbein. Insel Verlag 2022, 13.95 €

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Divas Hauptinstinkt ist der Servierinstinkt – jagen ist etwas für Waldis. Und Waldis leben im Wald, wohin Diva sich eigentlich nicht freiwillig begibt. Daher bleibt sie lieber im Wagen, wenn ihre Besitzer joggen gehen. Doch wenn man muss, dann muss man bekanntlich. So steigt sie also aus dem Auto aus und erledigt ihr Geschäft. Dabei trifft sie eine schielende Maus, die vor ihren Augen von einer Eule geschnappt wird. Brutale Natur. Und vor lauter Ablenkung hat Diva sich auch noch verlaufen. Nun wird es ernst und gefährlich, denn im Wald lauern Wolf, Luchs, Fliegenpilz, Marder und Fuchs. Der Fuchs jedoch ist eine Füchsin und in eine Falle geraten. Da kann Diva helfen und tut es. Zum Parkplatz findet sie trotzdem nicht. Was ist eigentlich mit den Waldis los, wieso hilft ihr keiner?

Das fragt sich Diva und benimmt sich fröhlich daneben. Bis es am Ende zum richtigen Showdown kommt... Ein toller Baltscheit-Wurf: Diese Hedin steht in ihrer verletzlichen Selbstgefälligkeit und überraschenden Stärke dem Baltscheit-Löwen in nichts nach!

Martin Baltscheit/Barbara Jung: Diva allein im Wald. Beltz & Gelberg Verlag 2022, 14.- 

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Wie fühlt es sich an, von den Kindern auf der Straße geärgert und ausgeschlossen zu werden? Welche Ängste steht man aus, hat man dem Bruder etwas stibitzt, um damit vor den anderen anzugeben, und dann geht es kaputt? Was geht einem durch den Kopf, wenn man sich etwas ganz schrecklich wünscht, was man sich nicht leisten kann? Von zeitlosen Erfahrungen und Erlebnissen, die man in der Kindheit macht, erzählt Ulitzkaja in einem Russland der Nachkriegsjahre. Und so mögen die Verhältnisse, die Klamotten, die Namen und die Umgangsformen vielleicht fremd wirken, die Gefühle sind immerwährend. Und noch etwas lernen die kleinen Leser*innen in diesen Texten kennen: die Kunst, etwas wegzulassen, etwas nicht auszusprechen. Das findet man in Kinderbüchern nicht oft, dabei ist es dort genauso kunst- und wertvoll wie in jeder Literatur.

Ljudmila Ulitzkaja/Hildegard Müller: Ein glücklicher Zufall. Dtv Verlag 2022, 16.- €

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Neuer Verlag, neues Cover – aber auch 8 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist dieser Comic vom Kiste-Erfinder Patrick Wirbeleit ein echtes Vergnügen!

Um das Mädchen seiner Träume zu beeindruckend braucht Jonas eine Vespa. Doch dafür fehlt das Geld. Also muss ein Job her. Leichter gesagt als getan:  Der einzige offene Job als Aschefeger in der Hölle wirbt mit viel Dreck, viel Arbeit und wenig Bezahlung. Noch schlimmer allerdings sind die Kollegen, das merkt Jonas schnell: Selten dämliche Teufel machen ihm neben dem Oberboss das Leben schwer. Um aus der Hölle rauszukommen und auf der Erde wiedergeboren zu werden, versucht sich einer der Trottel zu verbrennen. Klappt natürlich nicht. Als sprechender Aschehaufen überzeugt er Jonas dann, dass er Tricks auf Lager hat, mit denen man jedes Mädchen gewinnt. Dafür muss er nur rausgeschmuggelt werden. Jonas lässt sich darauf ein – und gerät in herrlich absurde Schwierigkeiten, in denen ein Hund, Gott, ein Engel und natürlich die dämlichen Teufel mitmischen. Großes Kino im kleinen Comic!

Patrick Wirbeleit: Was zur Hölle?! Kibitz Verlag 2022, 15.- €

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Buffy ist eine sehr mutige Polizistin, auf die der alte Kommissar Gordon wirklich stolz ist. Auch diesmal scheut sie kein Risiko, um herauszufinden, wer im Wald für Angst und Schrecken sorgt, wer kratzt und brummelt, nachts in Häuser eindringt und Töpfe umherwirft. Während die Tiere sich alle ängstlich in der Polizeistation verstecken, geht Buffy alleine los. Alleine? Nicht ganz: Der kleine Eichhörnchenjunge Helmer, der gerade bei Gordon lernt, wie man ein guter Polizist wird, hat sich auch auf den Weg gemacht. Und beide machen unglaubliche und völlig unterschiedliche Erfahrungen...

Nilsson ist ein Meister darin, Weisheiten in wunderschöne Geschichten zu verpacken. Nichts daran ist aufdringlich, moralisierend oder wichtigtuerisch, kein erhobener Zeigefinger winkt, keine Erkenntnis ruft danach, ins Kissen gestickt zu werden. Obwohl...einen Ratschlag unter den „wichtigen Aufzeichnungen" in Kommissar Gordons Schublade werde ich mir hinter die Ohren schreiben: Frage immer jemanden, der es weiß.

Jeder einzelne Band der Kommissar-Gordon-Reihe ist eine Perle, deswegen ist es umso trauriger, dass dieser endgültig der letzte ist. 

Ulf Nilsson/Gitte Spee: Der allerletzte Fall. Moritz Verlag 2022, 12.95 €

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Auch wenn er sie oft aufzieht und sich gerne über ihre alten Geschichten lustig macht: Im Grunde hört der Eichelhäher seiner alten Sommereiche, der Troeteleik gerne zu. Denn sie hat viel zu erzählen, hat in den gut zweihundert Jahren ihres Lebens viel gesehen an ihrem Platz: zwei Kriege zum Beispiel, und Könige und unzählige Tiere. Die sind jetzt allerdings verschwunden, bis auf den Eichelhäher, denn die alte Eiche steht alleine mitten zwischen den verschiedenen Spuren einer Autobahn. Auch wie es dazu gekommen ist, erzählt sie ihrem gefiederten Freund. Zwischendurch schaltet sich das Wurzelwerk ein, das alle Bäume miteinander verbindet und Nachrichten schneller verbreitet als unser Internet. So auch diese: Die Eiche soll jetzt doch bald gefällt werden...

Dass Bibi Dumon Tak sich auf ungewöhnliche Art mit Tieren auseinandersetzt, kennen wir aus ihren großartigen Sachbüchern. In denen stellt sie u.a. weitgehend unbekannte und seltsame oder unterschätze Tiere vor, indem sie schräge Fakten und Anekdoten dazu sammelt. Den Witz dieser Kurzportraits versucht sie hier in Gestalt des flapsigen Eichelhähers in den Roman mitzunehmen. Die Geschichte selbst beruht auf Fakten und ist im Grunde eher tragisch als witzig. Dumon Tak versteht es jedoch, sie packend und leicht zu erzählen. Und: Noch steht sie wirklich genau da, an der A58 in den Niederlanden, die Eiche von Ulvenhout.

Bibi Dumon Tak/Marije Tolman : Die Eiche und der Federschopf. Gerstenberg Verlag 2022, 16.- €

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Ed ist gar nicht begeistert, als seine Eltern verkünden, dass er und seine kleine Schwester Roo die ganze Woche bei der alten Nachbarin Miss Filey verbringen müssen. Kaum sind sie dort, taucht Willard auf, ein Junge aus der Nachbarschaft, der gerade neu hergezogen ist, und lädt sich selbst ein. Bevor Ed sich richtig ärgern kann über den Witzbold Willard und die langweilige Miss Filey, passieren die ersten unglaublichen Dinge...

Und da wir an diesem Punkt gerade mal erst am Ende des dritten Kapitels sind und das Feuerwerk an verrückten Einfällen, spannenden Abenteuern und phantastischen Erlebnissen bereits in voller Fahrt ist, immer nur wilder und großartiger wird und man sehr schnell nicht mehr weiß, ob man dieses Buch jemals aus der Hand legen möchte (nein, möchte man nicht), versuche ich gar nicht erst, zu erzählen, worum es geht. Deswegen gleich zu meinem Urteil. In diesem Buch ist alles drin: an erster Stelle der wunderbare trockene Humor, der die ganze Erzählung durchzieht und ihr diese besondere, distanzierte Leichtigkeit gibt; dann Abenteuer im allerbesten klassischen Sinne, in der Tradition Roald Dahls und Annie M.G. Schmidts; die Liebe zu Geschichten, die ja nichts anderes als Abenteuer im Kopf sind; und natürlich die Charaktere, die gleichzeitig Typen sind – die schrullige alte Nachbarin, der intelligente große Bruder, der nicht an Magie glaubt, die kluge kleine Schwester, die für alles offen ist, der Witzbold in Gestalt des Nachbarjungen, und die Katze darf den Part des grantigen Kritikers übernehmen – und trotzdem als besonders liebenswerte Individuen in Erinnerung bleiben. Dass ein Protagonist im Rollstuhl sitzt (was man erst nebenbei im zweiten Kapitel bemerkt), ist wohl selten so unspektakulär und selbstverständlich in eine Geschichte integriert worden. Und schließlich muss noch die ebenso unauffällige wie natürliche Liebe erwähnt werden, die eigentlich für alle Personen die Triebfeder ihres Handelns ist. 

Lange habe ich mich nicht so köstlich amüsiert!

Lissa Evans: 10 Wünsche, 7 Abenteuer und eine sprechende Katze. Mixtvision 2022, 16.- €

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Gulraiz Sharif lässt sich Zeit, bis er zur Sache, zum Thema und Anliegen seines Romans kommt. Zwar gibt es leise Andeutungen und Vorahnungen, doch auf den Tisch kommt die Sorge von Mahmouds kleinem Bruder Ali erst nach knapp der Hälfte des Buches. Vorher wird ausführlich und mit großem Vergnügen Mahmouds Welt vorgestellt: Das Viertel, sein Kumpel Arif, seine Familie. Und seine Tage in den langen Sommerferien, die aus Chillen, Abhängen, Daddeln und dem Gang zum Mini-Markt bestehen. Und damit kann man fast 100 Seiten füllen? Aber hallo: Mahmoud erzählt schließlich selbst, und das in einem unnachahmlichen Slang, mit viel Selbstironie und einem knallharten, ehrlichen Blick auf seine Position in der Gesellschaft im Vergleich zu den „norwegischen Norwegern". Und dann passiert in diesen Ferien doch noch etwas Besonderes, denn Mahmouds Familie bekommt Besuch von einem Onkel aus Pakistan, den Mahmoud in Oslo herumführen darf. Eine willkommene Abwechslung. Im Beisein des Onkels fällt Mahmoud auch zum ersten Mal auf, dass sein kleiner Bruder sich komisch benimmt: Der Gang in die Moschee scheint ihn heftig mitzunehmen. Was ist da los? Und schließlich schüttet Ali Mahmoud sein Herz aus, und was Mahmoud da erfährt, stellt seine Welt auf den Kopf: Ali, gerade mal 10 Jahre alt, ist todunglücklich, weil er das Gefühl hat, im falschen Körper geboren zu sein. Er möchte lieber ein Mädchen sein. Wie um Himmels Willen soll Mahmoud das jemals seinen Eltern erklären? Das erste, was ihm einfällt: „Onkel und Papa werden ‚'nen Ehrenmord an dir begehen." Zum Glück denkt er das nur. Tatsächlich wächst Mahmoud über sich hinaus und steht voll hinter Ali. Aber leicht wird es nicht...

Wenn man sich auf die Rap-Rotz-Underdog-Sprache einmal einlässt, hat man einen Heidenspaß, denn Mahmoud beobachtet genau, urteilt knallhart, kennt keine Tabus, ist ehrlich, kann sich und seine Leute ebenso böse wie liebevoll betrachten und hat dabei einen herrlich selbstkritischen Humor. Und ein großes Herz.

Gulraiz Sharif: Ey hör mal!  Arctis Verlag 2022, 15.- €