MONSTER
Yishai Sarid
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Eher durch Zufälle als durch Neigung kommt der namenlose Ich-Erzähler zum Studium der neueren Geschichte und darin zu dem Thema seiner Doktorarbeit: Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg. Als Nebenjob gibt er bald Führungen in Yad Vashem und lernt den dortigen Direktor kennen. Sein Wissen über die Vernichtungslager ist gewaltig und explizit wissenschaftlich-intellektuell. Das beeindruckt und so ist er bald ein gefragter Gruppen-Guide durch die Lager Ausschwitz und Birkenau, Majdanek und Treblinka. Wer würde da nicht wahnsinnig werden, müsste er jeden Tag die Vernichtungsprozesse in allen Einzelheiten und Details erläutern, vor israelischen Schüler*innen, die sich in ihre Fahnen wickeln, vor Soldaten, vor Touristen? Der Ich-Erzähler kann das Monster der Erinnerung nicht lange zähmen mit seiner wissenschaftlich-intellektuellen Herangehensweise. Zunächst ist es eine ihn selbst erschreckende Faszination, die an Bewunderung grenzt, angesichts der perfekten Tötungsprozesse der dabei so gut aussehenden Deutschen. Zugleich fällt ihm immer mehr auf, wie unangenehm ihm die Schüler*innen und ihre „banalen Gitarrenlieder, das Kaddisch, die Tränen, die Kerzen, all dieser Wohlfühlkram" sind, während er gleichzeitig einen Araber-Hass und eine Verachtung gegenüber den Aschkenasen bei ihnen beobachtet. Schleichend bewirkt die ununterbrochene Auseinandersetzung damit eine zynische, verzweifelte Abwehr, eine Wut, eine Verzweiflung, die sich in einem Abschlussgespräch nach einer Führung schließlich entlädt, als ein Schüler resümiert: „Ich denke, zum Überleben müssen wir auch ein bisschen Nazis sein". In einer bitterbösen Rede anerkennt der Ich-Erzähler, dass die Schüler*innen endlich verstanden haben: „Ihr habt gelernt, dass alles nur Macht, Kraft und Stärke ist." Er kann jedoch seine Fassung immer weniger leicht bewahren, sieht, spürt, riecht, schmeckt die Gefangenen, die Massenmorde, die Vernichtung und dreht langsam durch. Bis es bei seiner letzten Führung für einen deutschen Regisseur zum Unabwendbaren kommt.

Immer wieder musste ich die Lektüre unterbrechen und Luft holen, bewusst die Spannung lösen, das Gelesene abschütteln, aus dem Fenster schauen – nur weg von den grausamen Beschreibungen, die so glatt und auf eine perverse Art bewundernd, gleichzeitig distanziert und trocken sind, kombiniert mit den Beobachtungen der unterschiedlichen Arten, wie die Besucher reagieren, was wiederum Fragen aufwirft, die man nicht so schnell wieder loswird: Wie sind Opfer, was erwartet man? Und wie sind Mörder? Und wie darf, kann, soll, muss man gedenken, gibt es Vorschriften, gibt es Grenzen? Immer zog es mich wieder hin und in den Bann, ich wollte den Ich-Erzähler nicht alleine lassen in diesem Alptraum, wollte wissen, ob er überlebt.

Yishai Sarid: Monster. Kein & Aber 2019, 21.-€ / 2020, 12.- €

SIEGERIN
Yishai Sarid
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Es ist immer wieder eine Herausforderung, einen Roman auch mit dem Herzen zu mögen, mit dessen Protagonistin oder Helden man sich nicht identifizieren kann oder will. Abigail ist eine starke und erfolgreiche Frau, die erreicht, was sie sich vornimmt, eine Siegerin. Und sie geht dabei über Leichen. Man sucht fast händeringend nach Zeichen von Verzweiflung, Selbstzweifeln, Ängsten, Brüchen, Abgründen. Dass der Text als Ich-Erzählung konzipiert ist, macht die Suche umso erfolgloser, zumal Abigail gegen sich selbst auch hart und unerbittlich ist. Sie wird Psychologin, um so zu werden wie ihr Vater, nur auf kürzerem Wege und besser. Das bringt sie zum Militär und dort spezialisiert sie sich bald auf die Psychologie des Tötens. Einen Patienten zu heilen, bedeutet für sie, dass er zurück in den Krieg geht und bereit ist zu töten. Schafft sie das, ist sie stolz auf den Erfolg, mit zwei ehemaligen Patient*innen verbindet sie seitdem eine Art Freundschaft. Wenn sie aber erkennen muss, dass ihre Therapie zur Stärke, „um den Feind zu besiegen", nicht wirkt, der Patient schwach, labil, weich ist, lässt sie ihn fallen. Um einen Sohn zu bekommen, verführt sie einen schönen und erfolgreichen Generalstabschef. Bis ihr Sohn viel später dann, bereits selbst zum Fallschirmjäger ausgebildet, an der Front eine Art Zusammenbruch erleidet, hat Abigail bereits eine Grenze überschritten und das Geheimnis ihrer Therapie am eigenen Leib erfahren und verinnerlicht.

Beeindruckend, wie konsequent Sarid seine Protagonistin durch ihr Leben und den Roman führt, eine Siegerin, die so nur aus der historischen Erfahrung der totalen Vernichtung hervorgehen kann: Ein verkörpertes Nie wieder! – gehalten durch den totalen Willen, sich zu wehren, sich niemals und unter keinen Umständen jemals wieder besiegen zu lassen. Erstaunt hat mich die Wahl einer Frau für diese Idee, auch wenn im Grunde dahinter – wie bei auffällig vielen Figuren in der Geschichte – die Väter stehen.

Yishai Sarid: Siegerin. Kein & Aber 2021, 22.- €