KINDHEIT
Tove Ditlevsen
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Es passiert manchmal, dass man ein Buch aufschlägt, zu lesen beginnt und denkt: cooler erster Satz. Oder: guter Einstieg, macht neugierig, oder ähnliches. Ganz selten aber gibt es Bücher, nach deren ersten Sätzen man innerlich zu zittern beginnt. Vor Hoffnung, Aufregung, Freude. Und man liest vorsichtig weiter, mit angehaltenem Atem, unsicher, ob der Zauber hält. Solch ein Buch ist „Kindheit", der erste Band von Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie. Und, um es gleich aufzulösen: Ja, der Zauber hält.

Was macht dieses Buch so außergewöhnlich? Ditlevsen erzählt eine Kindheit in den 1920ger Jahren in Kopenhagen, sie berichtet von Armut und Unverständnis, von einer gefühlsverwirrten Mutter und einem romantisch-idealistischen Vater, von Einsamkeit, Sehnsucht und fehlenden Freundschaften, von der vielleicht möglichen Rettung durch Worte, durch Poesie. Ohne jegliche Angabe über Zeit, Ort, Personen, über das Alter oder die Familie der Protagonistin, steckt man nach den ersten Seiten, nein, Sätzen, direkt in der Haut dieser besonderen Erzählerin: „Am Morgen war die Hoffnung da. Sie saß als flüchtiger Schimmer im glatten, schwarzen Haar meiner Mutter, das ich nie zu berühren wagte, und sie lag mir auf der Zunge wie der Zucker im lauwarmen Haferbrei, den ich langsam verspeiste, während ich ihre schmalen, gefalteten Hände betrachtete, die reglos auf den Zeitungsberichten über die Spanische Grippe und den Versailler Vertrag ruhten."

Ditlevsen erzählt von ihrer eigenen Kindheit und man spürt die Nähe, die Direktheit, die krasse Wahrheit der Geschichte. Sie sagt: „Schreiben heißt, sich selbst auszuliefern, sonst ist es keine Kunst. Man kann das verschleiern, aber letzten Endes schreibt man doch immer über sich selbst." Im klugen Nachwort der Übersetzerin Ursel Allenstein wird die Untrennbarkeit von Ditlevsens Leben und Schreiben deutlich.

Vor allem aber ist es Ditlevsens Art zu schreiben, die den Text so besonders macht: hoch emotional und zugleich lakonisch, poetisch, direkt, hinter und auf den Grund der Dinge blickend. 

Tove Ditlevsen: Kindheit. Aufbau Verlag 2021, 18.- €

JUGEND
Tove Ditlevsen
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Der zweite Band schließt direkt an den ersten an, Tove hat gerade die Schule verlassen und ihren ersten Job als Haushaltshilfe angenommen. Sie bleibt nicht lange, hat keine Erfahrungen, kein praktisches Talent. Später findet sie Arbeit in einem Schreibbüro. Doch egal, was sie arbeitet: Im Grunde langweilt es sie, denn ihr einziger wirklicher Wunsch ist es, zu schreiben. Auch ihre abendlichen Ausgänge mit Nina, auf denen sie tanzen und sich amüsieren wollen, dienen eigentlich nur dem einen Zweck: einen Mann zu treffen, den sie vielleicht heiraten könnte. Dann wäre sie versorgt und könnte endlich schreiben. Denn: „Ich hätte so gerne einen Ort, an dem ich üben könnte, richtige Gedichte zu schreiben. Ich hätte gern ein Zimmer mit vier Wänden und einer geschlossenen Tür." Diese Sehnsucht nach der Möglichkeit zu schreiben ist das wahre und einzige Thema, das zählt. Daneben wird von den Eltern berichtet, der Vater die meiste Zeit arbeitslos auf dem Sofa, die Mutter findet eine Aufgabe in der Pflege der totkranken Schwester, danach strickt sie hauptsächlich und wartet auf Toves bevorstehende Hochzeit, der Bruder Edvin heiratet und trennt sich wieder von seiner Frau. All das wird berichtet, doch es bleibt nebensächlich, wie alles in Toves Leben, was nicht mit ihrer Bestimmung zu tun hat: zu schreiben. „Das Jungsein ist ein vorübergehender, zerbrechlicher und unbeständiger Zustand. Er muss überwunden werden, einen anderen Sinn hat er nicht." Und endlich trifft Tove auf einen Verleger einer Lyrikzeitschrift, der ihr vorschlägt, einen Gedichtband herauszugeben. 

Tove Ditlevsen: Jugend. Aufbau Verlag 2021, 18.- €

ABHÄNGIGKEIT
Tove Ditlevsen
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Der sich wieder direkt anschließende dritte Band beginnt trügerisch im selben Ton wie die vorherigen – doch der zweite Teil haut einen dann völlig um.

Tove hat den Verleger geheiratet, muss sich aber eingestehen, dass sie nicht glücklich ist, dass ihre Tage auf sie „herabsinken wie Staub; einer genau wie der andere." Wenigstens hat sie das Schreiben, das sie erfüllt und glücklich macht. „Und mir wird immer stärker bewusst, dass ich zu nichts anderem tauge und von nichts anderem leidenschaftlich erfüllt werde, als Worte aneinanderzureihen, Sätze zu bilden und einfache, vierzeilige Verse zu schreiben." Vielleicht ist es unter anderem auch ein bisschen diese einzige Leidenschaft, die Tove später rettet. Zunächst verliebt sie sich, verlässt den Verleger, wird verlassen und findet Ebbe, einen liebenswerten Studenten, mit dem sie zusammenzieht und ein Kind bekommt. Als ihr für eine Abtreibung von einem jungen Arzt Pethidin gespritzt wird, ist sie auf der Stelle abhängig von der nie gekannten Seligkeit, die das Mittel bei ihr auslöst. Sie kehrt zurück zu dem Arzt, alles andere – Mann, Kind, Schreiben – ist ihr vollkommen gleichgültig. Und damit ist ihr Schicksal als Süchtige besiegelt. 

So leicht wird man diese Geschichte nicht mehr los: Gänzlich ohne Pathos, schlicht und offen und direkt berichtet Ditlevsen von einer so gnadenlosen Abhängigkeit, einem so schnellen und fürchterlichen Zugrundegehen, dass der Leserin ganz schwindelig wird. Unglaublich beeindruckend.

Tove Ditlevsen: Abhängigkeit. Aufbau Verlag 2021, 18.- €

DIE UNSCHÄRFE DER WELT
Iris Wolff
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Wie zuverlässig sind Erinnerungen und warum ist uns das wichtig? Wohin gehen die Geschichten, wenn diejenigen, die sie erzählen, nicht mehr da sind? Was bleibt im Gedächtnis?

Erst langsam fügt sich ein Rahmen für die Handlung zusammen, die unmittelbar einsetzt, erst nachdem sich der Leser schon an Florentine verloren hat, an ihre Weltwahrnehmung und ihre Unvergleichlichkeit. Erst nachdem sie ein Kind geboren hat und man noch rätselt, wann sich das Ganze zugetragen haben könnte und wo. Dann erfährt man: im Banat, in dem Ort Arad. Rumänien also, und dann kann man auch die seltsamen Unterstellungen einordnen, denen Florentine im Krankenhaus ausgesetzt ist - dass sie versucht hätte, ihr Kind abzutreiben. Man ist also in Rumänien in der Ceausecu-Zeit, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Florentine behält das Kind, es ist ein Sohn, und er bleibt das einzige Kind. 

Man folgt Florentine und ihrem Mann Hannes, ihrem Sohn Samuel, man wirft einen Blick zurück auf das Leben von Hannes' Mutter Karoline, dann kommt Samuel in den Fokus, sein Freund Oz, Stana, seine Liebe. Dass Rumänien unter Ceausescu gelitten hat, dass es die Geheimpolizei Securitate gab, die Menschen bespitzelt und gequält hat, dass es Mangel gab, Hunger, Armut und Unfreiheit, wird nicht vergessen, drängt sich jedoch auch nie in den Vordergrund. Am Schluss kommt eine weitere Generation zu Wort, die Tochter von Stana und Samuel erhält das letzte Kapitel der großen Familiengeschichte. Und sie weiß: Statt einer langen Reihe an Erinnerungen gab es nur ein fortgesetztes Verschwinden, Vergessen, bis von früheren Ereignissen allein Gemeinplätze übrig waren, kein echtes Wissen, nur überlieferte Deutungen; ein ganzes Leben mit all seinen Widersprüchlichkeiten konnte zusammengefasst werden in wenigen Sätzen. Das, was verschwunden war, musste wieder auftauchen. Und wer, außer einer Zauberin, konnte dafür sorgen, dass die Dinge nichtverloren gingen?

Iris Wolff ist eine solche Zauberin, die in einer berückend schönen, poetischen Sprache die Geschichten dieser Menschen direkt in unsere Herzen hineinschreibt.

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt. Klett-Cotta Verlag 2020, 20.- €

SHUGGIE BAIN
Douglas Stuart
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Die Geschichte von Agnes Bain und ihren Kindern, Leek, Catherine und Shuggie, spielt in den 1980er Jahren in Glasgow im Milieu der (arbeitslosen) Arbeiter, der Ex-Bergmänner und ihren Familien, allesamt arm, chronisch pleite und hungrig. Und durstig. Mittendrin strahlt Agnes Bain, schön wie Liz Taylor, elegant und stolz - und verzweifelt. Aus diesem Umfeld kommt sie nicht heraus, sie ahnt es, und sie beginnt, gegen die Angst und die Trostlosigkeit zu trinken. Sie ist noch jung und voller Erwartungen, Hoffnungen, Ansprüche und Träume, die sich alle nicht erfüllen werden. Es bleiben Langeweile, Überdruss, Leere, auch Wut und Enttäuschung, die sie mit Alkohol ertränkt. Noch ist alles im Rahmen, sie ist wunderschön, kann sich viel erlauben, die Zukunft liegt noch vor ihr. Sie verlässt mit Sohn und Tochter ihren ersten Mann, ein offenbar braver, treuer, langweiliger Katholik, den Agnes für einen Charmeur fallenlässt, einen schönen Draufgänger, der sich als zerstörerisches Arschloch herausstellt, als jemand, der sie unwiederbringlich kaputt verlassen wird, damit niemand anderes Freude an ihr haben kann. „Sie hatte ihn geliebt, und er hatte sie vollkommen brechen müssen, bevor er sie endgültig verließ. Agnes Bain war ein zu kostbares Exemplar, um sie der Liebe eines anderen zu überlassen. Er durfte nicht mal Scherben übrig lassen, die ein anderer später einsammeln und kleben könnte." 

 

Um das zu erreichen, zieht er mit ihr und den Kindern hinaus in ein kleines, eigenes Heim, das sich jedoch als wahres Höllenloch erweist: In einer endgültig abgehängten, toten Gegend mit stillgelegten Kohleminen und ebenso verlassenen und ausgelaugten Bewohnern lässt er Agnes allein. Sie trinkt und die anderen Trinker und Trinkerinnen zeigen sich von ihren abscheulichsten Seiten, ziehen sie immer wieder in den Abgrund. Doch noch bewahrt sie auch mitten im Elend eine Würde, einen Stolz und eine Schönheit, die vor allem ihr jüngster Sohn Shuggie bewundert. „Bei den Matheaufgaben war sie nicht zu gebrauchen, und an manchen Tagen verhungerte er regelrecht, bevor er von ihr eine warme Mahlzeit bekam, aber als Shuggie sie jetzt ansah, wusste er, dass genau das hier ihre Stärke war. Jeden Tag schminkte und frisierte sie sich und stieg mit hoch erhobenem Kopf aus ihrem Grab. Wenn sie sich im Suff blamiert hatte, war sie am nächsten Tag aufgestanden, hatte ihren besten Mantel angezogen und war der Welt entgegengetreten. Wenn ihr Magen leer war und ihre Kinder hungrig, machte sie sich zurecht und ließ sich von der Welt nichts anmerken."

 

Shuggie hat sowieso einen Sinn für Schönheit und Ordnung, der bei den Kindern seiner Umgebung gar nicht gut ankommt. Er wird als Schwuchtel und Mädchen verspottet und verfolgt. Seine Schwester hat sich früh verabschiedet und ist mit ihrem Verlobten nach Afrika gegangen, weit weg von der Mutter. Sein älterer Bruder Leek, der wunderbar zeichnen kann, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, er gibt dem Haus durch seine reine Anwesenheit zwar ein bisschen Autorität, doch weder kann er seine Mutter retten, noch kann er Shuggie helfen. Shuggie vergöttert seine Mutter und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, über sie zu wachen, sie zu beschützen, da zu sein, wenn sie wieder gesund wird. Und es gibt schöne Momente, es gibt ein ganzes Jahr, in dem Agnes trocken ist und eine gute Mutter. Der Rückfall ist eine der brutalsten Szenen des Buches, weil er aus so unerwarteter Richtung eingeleitet wird. Agnes aber wird nie wieder gesund werden, gegen den Alkohol und die Armut hat sie keine Chance, er nimmt ihr langsam den Stolz, die Würde, die Schönheit, er zerstört sie. Shuggie kann seine Mutter niemals retten, und erst ganz am Ende, als er schon längst völlig alleine mit Agnes dasteht, hat er Erbarmen mit ihr und mit sich.

 

Man fragt sich vielleicht, ob das nicht ermüdet, die trostlosen, demütigenden, brutalen, grausamen Szenen nacheinander, eine schlimmer als die andere. Nein, das tut es nie, im Gegenteil, atemlos und unter Hochspannung folgt man der Geschichte, man leidet unaufhörlich, mit Agnes, mit Shuggie, nie gibt es einen Moment zum Aufatmen, und die einzige Stelle, in der ein vielleicht glückliches Paar beschrieben wird, wo der Mann kein Schläger und Säufer ist, endet so, dass man – genau wie Agnes - lieber gar nichts erst von deren Leben erfahren hätte. Und doch: Manche Situationen und vor allem Dialoge sind auch derb komisch: Eine Kundin im Taxi auf den Hinweis, dass die jungen Leute nach Afrika gehen, um dort Diamanten zu schürfen: „Mir doch egal, watse da schürfen, von mir aus könnse im Arsch vonne Afrikaner Lakritz abbauen. Aber arbeiten sollense daheim in Glasgow, und essen sollense, wat die Mutti kocht." Der starke Glagow-Slang, der nach kurzem Gewöhnungsmoment ziemlich treffend rüberkommt, trägt seinen Teil dazu bei.

Und vor allem: Alle Personen sind so menschlich: so gewöhnlich und außergewöhnlich, so banal und genial, so überraschend und so vorhersehbar, so komplex. Und immer wieder kommen andere Sichtweisen ins Spiel, leise und unauffällig sieht man gerade noch durch die Augen des einen und ist dann im Kopf der anderen und erfährt kurz darauf, was der Dritte denkt. Das macht der Autor großartig, flüssig, elegant und bruchlos wechselt er die Perspektiven, so dass man ein ungeheuer vielschichtiges Bild erhält. Erst allmählich im Laufe der Geschichte verschieben sich die Schwerpunkte, bis schließlich am Ende Shuggie das Wort hat. 

Ja, die Geschichte bricht einem das Herz tausend Mal, aber sie zeugt auch von etwas ganz Besonderem: Sie zeigt, was Menschen können, selbst wenn sie zugrunde gehen: versuchen, Würde zu bewahren - und lieben. 

Douglas Stuart: Shuggie Bain. Hanser Berlin Verlag 2021, 26.- €

TAGE DES VERGESSENS
Yvonne Zitzmann
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Sieben sehr unterschiedliche Biografien, sieben Leben, in denen etwas passiert ist, das die Betroffenen vergessen möchten. Daher sind sie bereit, an einer Studie teilzunehmen, in der eine Pille erforscht wird, die gezieltes Vergessen ermöglichen soll. Kann also die Sängerin ihre tragischen Liebesgeschichten vergessen und mit neuen, fröhlichen Liedern wieder auftreten? Kann der Syrer vergessen, dass seine gesamte Familie bei einem Bombenangriff umkam? Kann ein Paar vergessen, dass der Ehemann fremdgegangen ist? Kann eine junge Frau die Vergewaltigung vergessen und ein sehr alter KZ-Häftling die Überzeugung, dass er das Leben eines anderen gestohlen hat? Und ist es überhaupt möglich, wirklich nur das zu vergessen, was so schmerzt, und nicht auch noch viel mehr drum herum? Und was dann, wer ist man, wenn die eigene Geschichte nicht mehr erinnert wird? Fragen, die sich Marian Wechsler, der Leiter der Studie, immer wieder stellt. In Auseinandersetzungen mit seiner Frau, in Gesprächen mit dem leitenden Professor und vor allem alleine, wenn er die Protokolle anfertigt, die sieben Probanden trifft, die Pillen austeilt. Im Laufe der sieben Tage der Studie kommt er den Probanden nahe, nennt sie seine Freunde, und beginnt zu zweifeln. Dann erfährt er, dass er nicht alles weiß, was man zu dieser Studie wissen sollte. Was für ein Spiel spielt der Professor? Kann Wechsler die Verantwortung weiterhin tragen?

Ein sehr spannendes Thema, ob auf Tatsachen beruhend oder nicht, das hier angerissen wird. Leider bleibt die Autorin sehr nahe bei den Berichten der einzelnen Personen, fast ist es eine Aneinanderreihung ihrer Protokolle, dazwischen kurze Reflexionen und häufiger noch spannungsfördernde Andeutungen des Professors. So wird die Geschichte eher zu einem emotional aufgeladenen und fast reißerisch anmutenden Bericht mit leichtem Grusel-Effekt, während die hochspannenden Gedanken, Ideen und Theorien dahinter eher etwas zu kurz kommen.

Yvonne Zitzmann: Tage des Vergessens. Müry Salzmann Verlag 2021, 24.- €

DER BEGINN
Carl Frode Tiller
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Mit einem eiskalten Blick analysiert und kommentiert Terje jede Äußerung und Handlung seiner Mitmenschen und sich selbst, und niemals lässt er ein gutes Haar an ihnen. Im Gegenteil, auch wenn eine Geste unschuldig oder gar freundlich scheint: Terje entdeckt, entlarvt, entblößt die wahre Bedeutung und Aussage dahinter, und die ist immer böse. Das ist nachhaltig irritierend, besonders da er seine eigenen Handlungen und Worte ebenso unablässig begleitet und der Leser so die Diskrepanz zwischen seinen ironischen, bösen, kühlen Sätzen und gleichzeitig ablaufenden inneren Kämpfen unmittelbar teilt. Und so mit einem Protagonisten konfrontiert wird, der kalt, unsympathisch und unmenschlich wirkt und gleichzeitig seine Zerissenheit, seine Verzweiflung, seinen Selbsthass offenbart. Noch dazu erscheint ein völlig anderer Mensch, sobald Terje in der Natur oder mit seiner Tochter zusammen ist, da gibt es echte Empathie, Liebe, Trauer. Und vielleicht wäre ja auch alles anders und Terje ein anderer Mensch, wenn er trauern könnte, wenn er überhaupt Zugang zu seinen Gefühlen hätte. Doch so liegt er jetzt zu Beginn des Romans in einem Krankenhausbett und stirbt, nachdem er sein Auto rübergezogen hat auf die Gegenfahrbahn und mit einem LKW kollidiert ist. Alles, was berichtet wird, läuft nur vor seinem inneren Auge ab, in wenigen Minuten vermutlich. Immer weiter zurück gehen die Erinnerungen, vom Jetzt und Hier im Krankenhauszimmer, wo ihn Mutter und Schwester besuchen, zurück zu den Tagen und Wochen zuvor, seiner inzwischen komplett verhärteten Seele, dem Selbsthass, der Unerreichbarkeit, und weiter zu seiner Hochzeit, ein kurzer Blick nur führt ihn in eine Zeit als junger Mann voller Brutalität und Gewalt, dann in die Kindheit. Dort sitzt der Ursprung des Schmerzes, kaum auszuhalten sind die Verletzungen, die er als hochempfindliches Kind spürt, sei es, dass sie ihm gelten oder dass er für seine Mutter leidet, alles frisst sich in ihn hinein und macht ihn zu dem Menschen, der er ist und als welcher er jetzt in diesem Krankenhausbett stirbt. Was für eine brillante psychologische Studie und doch auch so viel mehr, literarisch nicht nur großartig komponiert – das Leben kann nur rückwärts verstanden werden – , sondern nachhaltig beeindruckend, intensiv und verstörend auch und gerade durch die Auslassungen, Lücken, Freiräume, durch das Nicht-Gesagte.

Carl Frode Tiller: Der Beginn. Btb 2019, 22.- €

MONSTER
Yishai Sarid
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Eher durch Zufälle als durch Neigung kommt der namenlose Ich-Erzähler zum Studium der neueren Geschichte und darin zu dem Thema seiner Doktorarbeit: Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg. Als Nebenjob gibt er bald Führungen in Yad Vashem und lernt den dortigen Direktor kennen. Sein Wissen über die Vernichtungslager ist gewaltig und explizit wissenschaftlich-intellektuell. Das beeindruckt und so ist er bald ein gefragter Gruppen-Guide durch die Lager Ausschwitz und Birkenau, Majdanek und Treblinka. Wer würde da nicht wahnsinnig werden, müsste er jeden Tag die Vernichtungsprozesse in allen Einzelheiten und Details erläutern, vor israelischen Schüler*innen, die sich in ihre Fahnen wickeln, vor Soldaten, vor Touristen? Der Ich-Erzähler kann das Monster der Erinnerung nicht lange zähmen mit seiner wissenschaftlich-intellektuellen Herangehensweise. Zunächst ist es eine ihn selbst erschreckende Faszination, die an Bewunderung grenzt, angesichts der perfekten Tötungsprozesse der dabei so gut aussehenden Deutschen. Zugleich fällt ihm immer mehr auf, wie unangenehm ihm die Schüler*innen und ihre „banalen Gitarrenlieder, das Kaddisch, die Tränen, die Kerzen, all dieser Wohlfühlkram" sind, während er gleichzeitig einen Araber-Hass und eine Verachtung gegenüber den Aschkenasen bei ihnen beobachtet. Schleichend bewirkt die ununterbrochene Auseinandersetzung damit eine zynische, verzweifelte Abwehr, eine Wut, eine Verzweiflung, die sich in einem Abschlussgespräch nach einer Führung schließlich entlädt, als ein Schüler resümiert: „Ich denke, zum Überleben müssen wir auch ein bisschen Nazis sein". In einer bitterbösen Rede anerkennt der Ich-Erzähler, dass die Schüler*innen endlich verstanden haben: „Ihr habt gelernt, dass alles nur Macht, Kraft und Stärke ist." Er kann jedoch seine Fassung immer weniger leicht bewahren, sieht, spürt, riecht, schmeckt die Gefangenen, die Massenmorde, die Vernichtung und dreht langsam durch. Bis es bei seiner letzten Führung für einen deutschen Regisseur zum Unabwendbaren kommt.

Immer wieder musste ich die Lektüre unterbrechen und Luft holen, bewusst die Spannung lösen, das Gelesene abschütteln, aus dem Fenster schauen – nur weg von den grausamen Beschreibungen, die so glatt und auf eine perverse Art bewundernd, gleichzeitig distanziert und trocken sind, kombiniert mit den Beobachtungen der unterschiedlichen Arten, wie die Besucher reagieren, was wiederum Fragen aufwirft, die man nicht so schnell wieder loswird: Wie sind Opfer, was erwartet man? Und wie sind Mörder? Und wie darf, kann, soll, muss man gedenken, gibt es Vorschriften, gibt es Grenzen? Immer zog es mich wieder hin und in den Bann, ich wollte den Ich-Erzähler nicht alleine lassen in diesem Alptraum, wollte wissen, ob er überlebt.

Yishai Sarid: Monster. Kein & Aber 2019, 21.-€ / 2020, 12.- €

SIEGERIN
Yishai Sarid
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Es ist immer wieder eine Herausforderung, einen Roman auch mit dem Herzen zu mögen, mit dessen Protagonistin oder Helden man sich nicht identifizieren kann oder will. Abigail ist eine starke und erfolgreiche Frau, die erreicht, was sie sich vornimmt, eine Siegerin. Und sie geht dabei über Leichen. Man sucht fast händeringend nach Zeichen von Verzweiflung, Selbstzweifeln, Ängsten, Brüchen, Abgründen. Dass der Text als Ich-Erzählung konzipiert ist, macht die Suche umso erfolgloser, zumal Abigail gegen sich selbst auch hart und unerbittlich ist. Sie wird Psychologin, um so zu werden wie ihr Vater, nur auf kürzerem Wege und besser. Das bringt sie zum Militär und dort spezialisiert sie sich bald auf die Psychologie des Tötens. Einen Patienten zu heilen, bedeutet für sie, dass er zurück in den Krieg geht und bereit ist zu töten. Schafft sie das, ist sie stolz auf den Erfolg, mit zwei ehemaligen Patient*innen verbindet sie seitdem eine Art Freundschaft. Wenn sie aber erkennen muss, dass ihre Therapie zur Stärke, „um den Feind zu besiegen", nicht wirkt, der Patient schwach, labil, weich ist, lässt sie ihn fallen. Um einen Sohn zu bekommen, verführt sie einen schönen und erfolgreichen Generalstabschef. Bis ihr Sohn viel später dann, bereits selbst zum Fallschirmjäger ausgebildet, an der Front eine Art Zusammenbruch erleidet, hat Abigail bereits eine Grenze überschritten und das Geheimnis ihrer Therapie am eigenen Leib erfahren und verinnerlicht.

Beeindruckend, wie konsequent Sarid seine Protagonistin durch ihr Leben und den Roman führt, eine Siegerin, die so nur aus der historischen Erfahrung der totalen Vernichtung hervorgehen kann: Ein verkörpertes Nie wieder! – gehalten durch den totalen Willen, sich zu wehren, sich niemals und unter keinen Umständen jemals wieder besiegen zu lassen. Erstaunt hat mich die Wahl einer Frau für diese Idee, auch wenn im Grunde dahinter – wie bei auffällig vielen Figuren in der Geschichte – die Väter stehen.

Yishai Sarid: Siegerin. Kein & Aber 2021, 22.- €