SACHBÜCHER
RAT IST DOCH SCHÖN
Lucia Zarnolo

Endlich ein Menstruationsbuch, bei dem alles stimmt: angefangen mit der losen, leicht wirren und dabei höchst kreativen Form, mit den wunderschönen Zeichnungen und der tollen Schrift, über die Großzügigkeit, den Raum, der den Gedanken und Bildern gegeben wird, bis zur Zusammenstellung der Ideen rund um die Periode. Da geht es um Humbug (heute sagt man auch gerne: Bullshit) und Wahrheit, Tipps und Mythen, Stolz und Empfindlichkeiten, Normalität und Ausnahmezustand. Große klasse. Und gedacht übrigens zum Nachempfinden für die, „die noch nie eine Menstruation hatten und nie haben werden“ – also, Jungs: lesen! Staunen! Bewundern!

Lucia Zamolo: Rot ist doch schön. Bohem Verlag 2019, 14.95 €

LAUF UM DEIN LEBEN
Wolfgang Korn

Der Marathonlauf ist seit Jahren der Aufmacher für sämtliche Stadtzeitungen. Kein Wunder, dass alle auf der Suche sind nach einer besonderen Geschichte rund um den Lauf. Als das Paar Sneakers gefunden wird, scheint endlich etwas zu passieren. Denn wem könnte das Paar gehören? Wer ist barfuß ins Ziel gelaufen und warum? Was hat das Blut am Schuh zu bedeuten? Der Mittagskurier, im Besitz der Schuhe, ist am nächsten dran und der Chef scheut keine Mühen und Kosten, eine richtig gute Story zu bekommen. Und so geht sein Reporter auf Reisen: Zunächst nach China, denn dort werden so gut wie alle Sneakers produziert. Viel erfahren die Leser und der Reporter dort vom Handel mit Sportschuhen – vor allem, dass jeder diesen besonderen Schuh genau so nachproduzieren könnte -, doch das Original kommt offensichtlich nicht aus China. Es geht weiter nach Afrika und da wird es dann richtig spannend... Eine gut gemachte Reportage, spannend und informativ, gut zu lesen und mit wichtigen Erkenntnissen zum Thema Globalisierung und Welthandel.

FAKE NEWS
Gérald Bronner

Während das schmale Sachbuch aus der Reihe Carlsen Klartext „Fake news“ (2017) ganz auf Aufklärung durch Information setzt und mit Beispielen arbeitet, Regeln, Richtlinien, Pflichten und Gesetze nennt und ganz klare Konsequenzen für die Politik, die Gesellschaft und den Einzelnen beschreibt, bleibt Bronner in seinem Sachcomic genau dort: bei der in erster Linie psychologischen Erklärung des Glaubens an Fake news und Verschwörungstheorien bei jedem einzelnen von uns. Anhand eines pubertierenden Jugendlichen mitten im intellektuellen Reifungsprozess (sic!) lotet Brunner die Fallen, Gefahren und Untiefen unseres Denk- und Urteilsvermögens aus und stößt auf einige Grenzen, die es uns so schwer machen, Fake news und Verschwörungstheorien nicht auf den Leim zu gehen. Da sind zunächst die räumlichen, zeitlichen und kognitiven Grenzen unserer Vernunft sowie der kulturelle Rahmen, in dem wir unweigerlich alles wahrnehmen und deuten. Doch weitaus gefährlicher ist, wie wir uns selbst im Weg stehen in Sachen Gedankenfreiheit: Bestätigungsfehler spielen da ebenso eine Rolle wie unser Hang, mehr auf die Konsequenzen unseres Handelns als auf die unserer Untätigkeit zu achten, gerne mal Kausalität und Korrelation zu verwechseln und den Zufall nicht als Erklärung zu akzeptieren (Prävalenzfehler). Insgesamt gibt es nicht weniger als 150 kognitive Verzerrungen oder Gedankenfallen, in die wir täglich hineinstolpern. Dass wir da nicht selten verzweifeln und Halt darin suchen, endlich etwas einfach mal glauben zu wollen, ist nachvollziehbar. Dann sollten wir uns den wunderbaren Vergleich Bronners vor Augen halten und uns über unseren Verstand, unsere Vernunft, unsere Intelligenz freuen: „Dinge, an die man glaubt, sind wirklich nützlich, sie sind so etwas wie Krücken für den Verstand. Mit ihnen ist die Welt viel klarer geordnet als in Wirklichkeit, und es gibt nur Gut und Böse und der Zufall ist verbannt ... aber findest du es nicht besser, ohne Krücken zu laufen?“

Karoline Kuhla: Fake News. Carlsen 2017, 6.99 €

Gérald Bronner: Fake News & Verschwörungstheorien. Jakoby&Stuart 2019, 12.- €

PAULAS REISE
Jana Steingässer

Ein Reisetagebuch? Ein Abenteuerbuch? Ein Sachbuch? Ein Bildband? Alles zusammen – und mehr:

Gibt es den Klimawandel auch bei uns? Und was habe ich damit zu tun? Das sind die Fragen, die sich die zwölfjährige Paula stellt, und die der Auslöser sind für eine lange und aufregende Reise. Denn Paulas Mutter ist Journalistin und ihr Vater Fotograf, und die beiden beschließen, dass diese Fragen die gesamte Familie angehen. So kommt es, dass Paula mit ihren Eltern und drei kleineren Geschwistern nach Grönland, Afrika, Albanien und über die Alpen reist und alle dabei so viel über unsere Lebensweisen und die Auswirkungen auf unser Klima lernen, dass sie am Ende der Reise wissen: Wir wollen, können und müssen ganz Vieles ganz anders machen! Sehr wichtig, sehr anregend, toll gemacht, spannend und informativ und dabei total alltagsnah – lesen, staunen, nachmachen!

Jana Steingässer: Paulas Reise. Oetinger 2019, 17.- €

IM GEFÄNGNIS
Thomas Engelhardt

Sinas Vater muss ins Gefängnis. Sie darf nicht mit, sie hat keine Ahnung, was das für ein Ort ist. Weil sie nicht mitdarf, geht dieses Buch mit. So heißt zu Beginn des Buches – und dann folgt man der Geschichte von Robert, Sinas Vater, der wegen eines Raubüberfalls für drei Jahre hinter Gittern sitzen muss. Man lernt viel über diesen unbekannten Ort: Wer kommt warum dorthin, was darf man mitnehmen, was darf in einem Haftraum sein und was nicht, wie sieht der Tagesablauf aus, was sind die größten Sorgen und Probleme der Gefangenen, wer darf wann besuchen, wer hat wann Ausgang, was sind Hafterleichterungen und was ein offener Vollzug. Gleichzeitig kommt Sina zu Wort und erzählt, wie das Leben ohne den Vater ist, wie sie die Besuche erlebt, wie sie Weihnachten gefeiert hat. Sehr interessant und wichtig.

WILDE KATZEN
Owen Davey

Katzen sind faszinierende Tiere, die großen Wildkatzen ganz besonders. Wunderschön illustriert kann man hier alles über Tiger, Löwen, Leoparden, aber auch Manuls, Karakals und Flachkopfkatzen erfahren: wie sie jagen und fressen, sich tarnen oder kämpfen. Ihre Rekorde (Geparden z.B. können in wenigen Sekunden auf 100km/h beschleunigen und machen Sechs-Meter-Sprünge!), ihr Familienleben und ihre Legenden werden ebenso erwähnt wie ihre Feinde – toll!

WAS IST EIGENTLICH FASCHISMUS
Lena Berggren

Lena Berggren gilt als führende Expertin für die Erforschung von Antisemitismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Zusammen mit dem Comiczeichner Kalle Johansson erklärt sie in diesem Comic den Faschismus. Nach einem kurzen Blick in den geschichtlichen Hintergrund wird deutlich, dass der Faschismus eine politische Ideologie ist, die verschiedene Visionen beinhaltet: Die nationale Wiedergeburt, eine neue Gesellschaftsordnung, eine postliberale Moderne und einen neuen Menschen. Die Verwirklichung dieser Visionen führt zu Rassismus, Gewalt, Revolution, Krieg. Im Nachwort wird deutlich, dass diese Grundideen des Faschismus heute noch dieselben sind: „Es ist dieselbe Verachtung für alles, was als fremd und schwach empfunden wird, dieselbe Verherrlichung einer als völkisch gedachten Gemeinschaft, dieselbe Verachtung für die Demokratie und für ein Denken, in dem alle Menschen denselben Wert haben, derselbe Glaube an das Recht, das sich der Stärkere nimmt – damals wie heute.“ In Form eines Sachcomics wird dieser nicht leichte Stoff hervorragend präsentiert: Populärwissenschaft in ihren besten Momenten.

ARMUT
Jutta Bauer

Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Das weiß man, davon hört man, liest man. Auch wenn wir – Deutsche in Brüssel, Schüler*innen an der iDSB – ausnahmslos eher am oberen Ende der Schere stehen, können wir doch jeden Tag Armut sehen, in Brüssel ebenso wie in jeder beliebigen deutschen Großstadt. Es gibt immer mehr Obdachlose: Flüchtlinge und Nicht-Flüchtlinge, Männer, Frauen, auch Kinder. In diesem Buch haben Kinder und Jugendliche die richtigen Fragen gestellt: Wie wird man arm und warum? Wer ist reich? Was kann man gegen Armut tun? Muss man Armen helfen? - und viele mehr. Die Antworten fallen unterschiedlich aus, denn die Fragen werden gestellt an Politiker, Wissenschaftler, Vertreter der Kirchen, Obdachlose. Sehr spannend, sehr wichtig.

GOOD NIGHT STORIES FOR REBEL GIRLS

Eine spannende Zusammenstellung von kurzen Texten über verschiedene Frauen, jeweils eine Seite, darauf die wichtigsten Daten und eine vorsätzlich subjektive Kurzbiografie, dazu eine Seite mit einer Illustration – sehr schön gemacht, tolle Auswahl, und gerade die  persönlichen Texte dazu überzeugen. Nicht nur für jede (Schul-)Bibliothek ein Muss, denn, so heißt es im Vorwort: „Mädchen müssen wissen, dass sie auf ihrem Weg mit Hindernissen rechnen müssen. Doch sie müssen ebenso wissen, dass Hindernisse überwunden werden können. Dass sie nicht nur Möglichkeiten finden können, sie aus dem Weg zu räumen, sondern dass sie diese Hindernisse auch für diejenigen beseitigen, die nach ihnen kommen.“

WAS KANN MAN TUN?
Peer Martin

„Was ist Toleranz und wo hört sie auf?“ – „Kann Toleranz aufhören?“ Oder: „Kann man Menschen dazu zwingen, sich integrieren zu lassen oder anderen zu helfen?“ – „Man muss sie zwingen. Alle. Sie kriegen ja etwas dafür: eine bessere Gesellschaft.“ Oder: „Glaubst du denn, Gott greift ein und rettet uns?“ – „Was ich glaube ist, er hat uns hierhergeschickt, damit wir die Welt retten.“ In vier fiktiven Gesprächen stellt Peer Martin genau die Fragen, die wehtun, die brennen, auf die man keine einfachen Antworten finden kann und darf. 

ICH SO DU SO
Labor Ateliergemeinschaft

„Es gibt Dinge, die man sich nicht aussuchen kann. Zum Beispiel hat man keinen Einfluss darauf, wo man geboren wird. Was man für Eltern hat. Ob die Eltern reich sind. Oder arm. Ob man gesund ist oder krank. Ob man groß ist oder klein. Welche Hautfarbe man hat. Welche Augenfarbe. Die Liste könnte man fortsetzen. All diese Dinge sagen nichts über den Wert eines Menschen aus.“ Natürlich gibt es Unterschiede, denn jeder Mensch ist einzigartig – und das ist gut so! Anhand von vielen Bildern, Comics, kleinen Erzählungen und Interviews werden dem Leser – groß und klein! – die Augen geöffnet. Klasse!

GUCKEN VERBOTEN!
Ilona Einwohlt

Paul und Pia kennen sich seit dem Kindergarten und sind seit jeher beste Freunde. Jetzt sind sie (fast) 12 Jahre alt und haben die Idee, ein gemeinsames Tagebuch zu führen – und zwar über wirklich private Sachen wie erste Liebe, erste Periode, erste Schamhaare und den ersten Orgasmus. Der/die andere kann seine/ihre Kommentare abgeben, Fragen stellen, Sachen erklären, oft ergibt sich ein Dialog. Das Ganze wird ergänzt und aufgelockert mit kleinen Sachtexten und vielen Zeichnungen. Eine erfrischend neue Herangehensweise, die mögliche Hemmschwellen oder Abwehrreaktionen versucht auszuhebeln, indem sie erfolgreich Jungen wie Mädchen anspricht, da beide Hauptpersonen gleichermaßen privat und persönlich erzählen, ohne ausgrenzend oder heimlichtuerisch zu werden.

MENSCH SUCHT SINN

Im Grunde kann man diese Zusammenstellung von Erzählungen nicht als Sachbuch durchgehen lassen – auch wenn Titel und Kapitelüberschriften das suggerieren. In fünf spannenden Kurzgeschichten geht es eben nicht darum Merkmale der unterschiedlichen Religionen herauszuarbeiten, sondern es geht um Menschen, um Jugendliche, die in verschiedenen religiösen Umfeldern versuchen, ihren Weg zu finden. Ob und wie welcher Glaube da hilft oder nicht, macht die Erzählungen so aufregend und interessant.

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