ERWACHSENE
CASSANDRA DARKE
Posy Simmonds

Die Titelheldin Cassandra ist eine unsympathische Person, geizig, herrisch, rüde. Beruflich ist sie eine erfolgreiche und reiche Leiterin einer Galerie in London. Doch nicht lange: Ein Betrug wird ihr gleich zu Beginn der Geschichte nachgewiesen, der ihre gesamte Laufbahn in den Künstlerkreisen ebenso beendet wie ihren Reichtum. Als ihre Nichte Nicki sie um Unterstützung bittet, lässt Cassandra sie in der Souterrainwohnung leben, nimmt aber Gegenleistungen in Form von allen möglichen Handlangerdiensten. Nicki wiederum ist noch jung auf der Suche, beruflich wie privat. Als sie Billy kennenlernt, ahnt sie nicht, dass damit sowohl sie als auch Cassandra in kriminelle Kreise gezogen werden, die auch vor Mord nicht zurückschrecken...

Ein Krimi, eine Bekehrungsgeschichte, eine Hommage an Ebenezer Scrooge aus der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens – ein bisschen von all dem findet man in dieser ausgesprochen gelungenen Graphic Novel.

WESTWALL
Benedikt Gollhardt

Chris ist einer Geisterarmee von Jugendlichen entflohen, die ohne jeglichen offiziellen Kontakt zur Gesellschaft in einer verschworenen Gemeinschaft mit rechtsradikalem Hintergrund im Wald leben und von ihrer Anführerin auf einen großen Befreiungsschlag vorbereitet werden. Im Rahmen eines Aussteigerprogrammes wird er unter dem Namen Nick vom Verfassungssschutz eingesetzt, um die Gruppe zu verfolgen. Julia hat ihrer Kindheit in einer Hippiekommune, in der sie mit ihrem Vater in großer Freiheit aufgewachsen ist, den Rücken gekehrt, und macht eine Ausbildung zur Polizistin. Als sie Nick kennenlernt - zufällig? -, beginnen sich die Fäden eines gewaltigen Beziehungsgeflechts zu bewegen, das die Leserin zunächst langsam und gemeinsam mit Julia entwirrt. Doch Julia weiß längst nicht von allen Ebenen der Geschichte, in die sie hineingezogen wird, und noch weniger kennt sie die Fädenzieher. Erst langsam entdeckt sie Verbindungen, Beziehungen und Abgründe, die der Leser, der die komplexe Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erlebt, oft schon vorher ahnt. So bleibt die Handlung immer spannend und durch ihren brisanten Hintergrund des rechtsradikalen Gedankenguts, der sich durch alle Ebenen des komplizierten Beziehungsgeflechts zieht, hochaktuell.

NEUJAHR
Juli Zeh

Ein starker erster Teil, in dem der Leser den Protagonisten Henning, ein Mann um die Mitte 40, verheiratet, zwei kleine Kinder, auf seiner Fahrradtour begleitet. Henning und seine Familie verbringen die Weihnachtsferien auf Lanzarote, und während Henning sich auf dem schlechten Rad und mit unpassender Kleidung abmüht, einen Berg zu bezwingen, lässt er die letzten Wochen und Monate seines Lebens Revue passieren. Wir erfahren nicht nur von seiner nicht immer leichten Ehe, seiner kleinen Schwester, die ein unstetes Leben führt und oft bei Hennings Familie unterkommt, sondern auch von Hennings Panikattacken, die ihn seit einiger Zeit heimsuchen. Je höher er steigt, desto unheimlicher wird dabei die Umgebung, surreal fast. Oben angekommen überfällt Henning dann eine Erinnerung. Im bedrückenden zweiten Teil, den man mit angehaltenem Atem liest, erfährt der Leser, was auch Henning verdrängt hatte: ein traumatisches Ereignis in seiner Kindheit. Das wiederum erklärt im dritten Teil sämtliche Probleme und Verhaltensmuster, die flugs und ohne Rücksicht auf den Leser, der vielleicht gerne etwas selber gedacht, entwickelt, fantasiert hätte, aufgeklärt und aufgelöst werden. 

Schade – denn im ersten Teil findet man interessante Gedanken, im zweiten ist man gebannt und gefesselt. Der dritte Teil hinterlässt einen dann ein wenig enttäuscht.

DER ZORN DER EINSIEDLERIN
Fred Vargas

Im Nebel sehen – das ist eine der Stärken von Kommissar Adamsberg, vielleicht kann er das sogar besser, als bei klarer Sicht erkennen. Eine weitere Spezialität sind seine Proto-Gedanken, die er Gasbläschen nennt, und die man steigen, schweben, spielen lassen muss. Das geht am besten, indem man spazieren geht oder nichts tut und beobachtet. Für die Mitarbeiter seiner Brigade ist diese Arbeitsweise manchmal schwer nachvollziehbar. Und manchmal untragbar. Dann springen auch mal ein paar Mitarbeiter während der Ermittlung ab. Doch einen Spinnenbiss muss man kratzen bis zum Ende, und solange die Gasbläschen nicht platzen und sich dabei offenbaren, wandert Adamsberg weiter im Nebel und löst unlösbare Fälle. Und wir sind selig.

VOX
Christina Dalcher

Nach einem schwarzen Präsidenten, auf den große Hoffnungen gesetzt worden waren, übernimmt ein Mann das Präsidentenamt in den USA, der gemeinsam mit seinem Beraterstab und besonders einem charismatischen Geistlichen die politische und gesellschaftliche Situation in Amerika komplett umgestaltet. Ausgehend von dem Geistlichen und seiner Bewegung der „Reinen“ wird die Bibel nur noch so ausgelegt, dass die Frau dem Mann vollkommen untertan ist. Frauen arbeiten nicht mehr, sondern kümmern sich um Kinder und Haushalt, halten dem Mann den Rücken frei. Mädchen werden nicht mehr gemeinsam mit Jungen unterrichtet und lernen nicht Rechnen, Lesen und Schreiben, sondern Dinge für das praktische Leben als Frau. Es gibt keine „unreinen“ Beziehungen mehr, nur noch die Ehe zwischen Mann und Frau, keinen außer- oder vorehelichen Geschlechtsverkehr – man kann sich die weiteren Maßnahmen vorstellen. Frauen haben nur noch 100 Wörter pro Tag zur Verfügung, gemessen mit einem fest am Handgelenk installierten Armband, das bei Überschreitungen Stromschläge versetzt. In dieser Ausgangslage, die man sich beunruhigenderweise erstaunlich gut vorstellen kann, wenn man an den realen aktuellen Präsidenten der USA denkt, lebt Jean mit ihrem Mann und vier Kindern. Als Frauen noch arbeiten durften, war Jean eine bekannte Wissenschaftlerin, die – wie passend – am Thema Aphasie forschte. Ihr Mann Patrick arbeitet als Berater im Umfeld des Präsidenten. Als der Bruder des Präsidenten bei einem Skiunfall ein Schädeltrauma erleidet und Teile seines Gedächtnisses verliert, ist es Jean, die gebeten wird, zu helfen. Sie willigt ein - doch sie hat Bedingungen.

 

Eine starke und beklemmende Idee, gerade weil sie so glatt und überzeugend in die jetzige Situation der USA gesetzt wird. Und so schrecklich möglich wirkt. Beim Lesen pendelt man zwischen Wut und Unglaube, Zorn und Ohnmacht. Besonders der erste Teil ist ein wirklich gelungener dystopischer Text, der gegen Ende in einen spannenden Thriller übergeht. Das erinnert dann ein wenig an James Bond – doch bis dahin ist man schon so wütend und so bei den Protagonisten, dass man sich einen gewaltigen Knall am Ende regelrecht wünscht.

DIE HOCHHAUSSPRINGERIN
Julia von Lucadou

Eine spannende Idee: Dass die junge, berühmte, erfolgreiche Hochhausspringerin Riva auf der Höhe ihrer Karriere plötzlich alles fallen lässt und aufgibt, erfährt der/die Leser*in durch die Augen von Hitomi Yoshida, einer jungen Psychologin, die im Auftrag der Sponsoren von Riva diese wiederum durch verschiedene Überwachungskameras beobachtet. Diese doppelte Brechung wird die gesamte Geschichte über aufrecht gehalten und bewirkt eine seltsame Distanz gegenüber Riva. Nie erfährt die/der Leser*in wirklich, was in Riva vorgeht, wieso sie plötzlich nicht mehr „funktioniert“. Dafür erkennt man, dass Hitomi an ihrer Aufgabe, Riva wieder leistungsfähig zu machen – zu „reanimieren“ -, langsam aber kontinuierlich scheitert und man erhält einen Blick in eine Gesellschaft, die so unmenschlich, kalt und distanziert ist, so auf Leistung und Kontrolle, totale Transparenz und (Selbst)Optimierung ausgerichtet ist, dass man sich fragt, wo das Leben stattfindet. Eine Dystopie, die zwar aufgrund ihrer komplizierten Konstruktion, den/die Leser*in nicht emotional berührt (was wohl gewollt ist), dafür aber Angstschauer und Befremden auslöst, die lange nachhallen. 

DAS MEER
Wolfram Fleischhauer

​​Fleischhauer hat lange gezögert, bis er diesen Roman rausgegeben hat, denn er weiß, wie schwierig es ist, wenn man von seinem eigenen Milieu schreibt, wenn die Hauptperson einem selbst zu nahe ist – und man dann über Europa, die EU und Politik schreibt. Nun hat er es gemacht und das ist gut so. Denn er hat nicht nur eine Geschichte zu erzählen, er weiß auch, wie man Spannung aufbaut und hält, er verbindet viele Fäden zu einem Plot voller Action und mit hochaktuellem politischen Hintergrund. Ok, nicht alle Figuren sind gleich überzeugend und vielschichtig und die eine oder andere Verbindung zwischen den Handelnden ist etwas konstruiert. Doch das nimmt man in Kauf bei einer insgesamt spannenden Krimihandlung mit derart brisantem politischen Hintergrund – dem Biozid, den die Menschen gegenwärtig begehen. Und der eben nicht Hintergrund ist: Am Ende bleibt der Leser/die Leserin mit so interessanten wie drängenden Thesen und Fragen zurück (und ist das nicht ein wichtiges Ziel, das gute Literatur erreichen will?), die weitergedacht und diskutiert werden wollen: Wie weit darf man, muss man gehen, um diese Erde vielleicht doch noch retten zu können?

EIN FAULER GOTT
Stephan Lohse

Als sein kleiner Bruder Jonas mit acht Jahren stirbt, ist Benjamin fast zwölf. Seine Mutter verzweifelt und versinkt in Trauer, findet nicht zurück ins Leben. Benjamin muss alleine klarkommen, die Herausforderungen an einen Jungen mit fast zwölf Jahren sind groß, es gibt Freunde und Feinde und vor allem erste Mädchenbekanntschaften, erste Küsse. Und zu Hause eine Mutter, die wie hinter Glas lebt, unerreichbar ist, Benjamin nicht wirklich wahrnimmt. Um die er Angst hat. Aber wie soll er ihr helfen, wie an sie herankommen, wie ihr klarmachen, dass er lebt, hier und jetzt und mit ihr zusammen?

Die konsequent durchgehaltene Perspektive des Fast-Zwölfjährigen bringt herrlich komische Passagen in die tragische Geschichte. Die Abschnitte aus Sicht der Mutter dagegen nehmen einem zwischendurch immer wieder die Luft zum Atmen, wenn der brüchige Alltag mit einem unendlichen Abgrund aus Trauer und Verzweiflung darunter beschrieben wird. Sehr beeindruckend. 

DIE VEGETARIERIN
Han Kang

Eine junge Frau, Yong-Hye, verheiratet, kinderlos, beschließt eines Tages aufgrund eines Traumes, keine tierische Produkte mehr zu essen. Das verändert nicht nur ihr Leben, sonder auch das ihrer Mitmenschen. Im ersten Teil berichtet ihr Ehemann, ein gefühlsarmer Mensch, der seinen Ekel und Abscheu nicht verbergen kann. Im zweiten Teil erzählt der Schwager, Mann der Schwester von Yong-Hye von seiner Faszination und vor allem sexuellen Besessenheit, die er in Form einer künstlerischen Inszenierung mit Yong-Hye tatsächlich ausleben kann. Doch die beiden werden von Yong-Hyes Schwester, seiner Frau, entdeckt und die Sache endet tragisch. Im dritten und letzten Teil berichtet die Schwester von Yong-Hye, In-Hye, wie es weiter geht. Nicht nur, aber doch auch da Yong-Hye nie zu Wort kommt, bleiben viele Fragen offen. Wie fühlt sie sich selbst? Warum geht sie so weit? Was außer den Träumen steht hinter der radikalen Essensverweigerung? Das ist einerseits verstörend, aber doch auch erhellend, denn so wird der Blick weg von Yong-Hye als der “Verrückten” hin zu den “Normalen” gerichtet. Und in-Hye erkennt am Ende: “Wenn nicht ihr Mann und Yong-Hye die Ersten gewesen wären, die Grenzen überschritten und damit ihre heile Welt zerstört hatten, dann wäre es wahrscheinlich sie selbst gewesen, die sich aufgelöst hätte und auf Nimmerwiedersehen verschwunden wäre.” (S. 188) 

DAS IRRENHAUS
Michael Krüger

„Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie man es aushielt, einen Roman nach dem anderen zu lesen, ohne Schaden an der Seele zu nehmen“. Doch nicht nur Romane, auch das Leben selbst scheint für den Erzähler ziemlich anstrengend zu sein, die Menschen hässlich und dumm, die Welt ein Jammertal. In seiner selbst verordneten totalen Welt-Abstinenz – er gibt Job, Wohnort und Name auf und sucht die reine Langeweile, das Nichts-von-der-Welt-Wollen, die völlige Verantwortungslosigkeit – bleibt er aber leider so gar nicht allein. Die Mieter seines Hauses bedrängen ihn, die Welt verlangt Stellungnahme von ihm, verfügt über seine Identität. Leise komisch und ziemlich böse.

WIR DA DRAUßEN
Fikry El Azzouzi

Junge Marokkaner in einem kleinen belgischen Dorf, eingezwängt zwischen Vätern, die sie nicht verstehen und auf die Straße setzen, Mädchen, die sie begehren, aber nicht einschätzen können und die für sie unerreichbar bleiben, und ihren Kumpeln, die genauso unsicher und haltlos sind wie sie selbst; zwischen Größenwahn und Verzweiflung, Drogen und der Sehnsucht nach Kindheit und klaren Regeln, flippen sie aus, werden gewalttätig gegen andere oder sich. Nichts zählt und keiner braucht sie. So gibt es auch nichts zu verlieren, wenn ein Angebot kommt, in Syrien zu kämpfen. 

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