Gerade gelesen

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Im Grunde ist sein Cousin Tom schuld daran, dass Chris sich auf die Challenge mit seinem Patenonkel Steffen eingelassen hat. Wenn der nicht als letztes Ass im Ärmel gesagt hätte, dass die 1000 Euro dann eben an Tom gehen, wenn Chris nicht mitmacht, wäre Chris doch niemals auf ein Fahrrad gestiegen, sondern vor seinem PC geblieben, hätte weiter seine Döner bestellt und kein Tageslicht in sein Zimmer gelassen. Doch bevor der verhasste Cousin mal wieder gewinnt, geht Chris lieber auf Steffens Vorschlag ein. Nun muss er in den Ferien 1000 km Rad fahren und dazu noch ein Logbuch führen...und nun kann man sich den Rest denken? Mit jedem Kilometer wird Chris fröhlicher und beginnt, Radfahren zu lieben, die Natur, die Bewegung, vergisst seine Computerspiele und die Döner, wird ein neuer Mensch? Nicht weit, aber gefehlt, zum Glück, denn das wäre arg vorhersehbar gewesen. Schon nach wenigen Tage hat Chris tatsächlich eine ganz neue Idee, was er mit den 1000 km anfängt: Er stellt sich selbst die Challenge, alle Dönerbuden im Umkreis zu testen, über die er dann auch gleich in seinem Logbuch schreibt. Dass es im Grunde um eine einzige Dönerbude und genauer: um ein Mädchen, das dort arbeitet, geht, merkt man schnell. Doch bevor Chris sich endlich traut, diese wichtigste Dönerbude zu betreten, passieren noch so einige überraschende Zwischenfälle. 

Durch die unvorhergesehenen Wendungen, die witzigen Beschreibungen der verschiedenen Dönerbuden-Typen und die sehr flotte und lässige Sprache punktet der Autor in einer etwas zu glatten Geschichte mit einem etwas zu flugs komplett umgekrempelten Helden. Liest sich trotzdem nett und macht gute Laune.

Stefan Gemmel: Abenteuer eines Döner-Checkers. Cbj Verlag 2022, 13.-€ 

Bremer Literaturpreis

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Eine Frau zieht mit 47 Jahren alleine in ein kleines, einfaches Haus auf dem Land irgendwo an der Küste, in die Nähe ihres Bruders, nachdem ihre Ehe vorbei ist, ihre Tochter sich auf den Weg in ihr eigenes Leben gemacht hat. Zu ihrem Mann Otis hegt sie weiterhin ein freundliches, liebevolles, ein wenig verwundertes Gefühl, zusammen leben können die beiden jedoch nicht mehr. Die Tochter Ann dagegen hat alles hinter sich gelassen und ist auf Reisen, was Otis mehr mitnimmt als die Erzählerin. „Otis findet, Kinder wecken Gefühle in dir und gehen los und lassen dich mit den Gefühlen im Regen stehen." Die Erzählerin nimmt ihre neue Lebenssituation mit all der Einsamkeit und den Verlusten, den Erinnerungen und Ängsten an, setzt sich damit auseinander und wächst langsam in ein neues Leben. Dabei helfen ihre auf sehr bodenständige Art unkonventionelle Nachbarin Mimi und deren Bruder Arild, mit dem die Erzählerin eine Liaison beginnt. Weniger hilfreich ist ihr Bruder, der in einer äußerst komplizierten Affäre mit der blutjungen und mit schweren Traumata versehenen Nike steckt. Die Erzählerin berichtet von ihrem neuen Leben, schreibt von Ausflügen, gemeinsamen Abendessen, einsamen Tagen und Nächten, Gesprächen mit Mimi, schreibt Briefe an ihren Mann und skypt mit der Tochter. Nichts Spektakuläres, und doch wird deutlich, dass eine neue Lebensphase für die Erzählerin beginnt, auch wenn sie selbst nicht sicher ist, ob sie in dem Haus und in dem Ort bleiben wird. Ebenso deutlich wird, dass es einzig und allein darum geht: um die Erzählerin und ihre Rolle in diesem Leben, wie es ihr geht, was sie denkt, fühlt, durchlebt. Es passiert nicht viel in diesem Roman, die marginalen politischen Diskussionen wirken eher wie Pflichttexte, es geht nicht um die Welt und die Menschheit, es geht um diese Frau. Dass man das Buch dennoch gerne und mit Interesse liest, liegt an der melancholisch-leichten Stimmung, die die Erzählerin mit leisem Humor, ein wenig Selbst-Distanz, guten Beobachtungen und einem überzeugend einfachen Stil schafft. So wie hier: „Ich denke, ich könnte eine andere sein, als die, die ich bin. Ich könnte auch eine sein, die jeden Morgen drei harte Eier zum Frühstück isst und dabei in einer Zeitung liest, in der es keine schlechten Nachrichten gibt, und ich staune darüber, dass ich immer noch glaube, entscheiden zu können, wer ich sein will und sein könnte."

Judith Hermann: Daheim. Fischer Verlag 2021, 21.- €