Gerade gelesen

Wenn jemand eine Schraube locker hat, liegt es immer an der Mutter. Hier ist der Roman, der diesen Satz, der Sigmund Freud zugeschrieben wird, beweisen kann.

 Gleich zu Beginn erfahren wir, dass einer der drei Drumm-Brüder unschön gestorben ist und wir erhalten auch einen ersten Hinweis auf eine Rivalität zwischen den verbliebenen beiden um eine gewisse Daisy. Dann geht es los: Auf gut 300 Seiten berichten die Brüder der Reihe nach von ihrem Leben, hin und herspringend zwischen den Jahren von ihrer Kindheit bis fast zum Zeitpunkt der Beerdigung. William, der älteste, beginnt den Reigen und hat auch den größten Anteil – und ist dabei leider der unsympathischste der drei Brüder, um nicht direkt zu sagen: ein sexistisches, arrogantes und egoistisches Arschloch. Es ist kein Vergnügen, seinen Bericht zu lesen, angefangen mit den Erzählungen rund um die Mutter, die ihn offen den anderen beiden Brüdern vorzieht und ständig bevorteilt, bis hin zu seinen unangenehmen Frauengeschichten, für die er am Ende zurecht im Rahmen der #metoo-Bewegung bezahlen wird. Und natürlich kommen immer wieder die Brüder ins Spiel, die er wahlweise hintergeht, betrügt, verachtet oder einfach ignoriert. Daisy, erfährt man hier, ist die Tochter, mit der Susan schwanger war, als die beiden geheiratet haben. Es folgt der Bericht – tatsächlich ist der gesamte Roman, egal, welcher der Brüder gerade erzählt, in einem leicht distanzierten, an einen Bericht erinnernden Stil gehalten - von Luke, dem jüngsten der drei Brüder. Von Anfang an wird Luke von der Mutter mies behandelt, immer benachteiligt, nie ernst genommen, für verrückt erklärt, geradezu gehasst. Sein Leben lang versucht Luke, die Anerkennung dieser Mutter zu gewinnen, er schafft es nie. Der Vater der Drumm-Brüder, der einzig liebenswerte und freundliche, herzensgute Mensch in dieser Familie, der Luke immer zur Seite steht, stirbt früh, Luke ist noch ein kleiner Junge. Er wird dann, auch für ihn selbst überraschend, schon im Teenager-Alter ein Pop-Star, kommt jedoch nie mit seinem Leben klar, nimmt Drogen, trinkt viel zu viel Alkohol, stürzt immer wieder ab, hat Psychosen und Depressionen. Sein Bruder William ist nie eine Hilfe, sein Bruder Brian übernimmt irgendwann die Manager- und Unterstützer-Rolle. Brian ist der dritte Bruder, der im Anschluss berichtet, und hier lesen wir einige Episoden noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive, und nicht selten erkennen wir, wer hier alles wie falsch spielt und die anderen hintergeht. Einzig Luke scheint naiv und gutgläubig, jedoch leider psychisch völlig instabil. 

Und dann enden die Berichte und es folgt der zweite Teil. Hier zeigt sich, wie wichtig der lange, ausführliche und sich auch mal wiederholende Aufbau in Form der drei Brüder-Berichte im ersten Teil war: Nach diesen über 300 Seiten Vorbereitung und Einführung in die Leben der Brüder, explodieren sämtliche versteckten Bomben und Granaten in einem kurzen, nur 50 Seiten dauernden Feuerwerk der Zerstörung. Jeder Verrat wird aufgedeckt, jeder Betrug erkannt, alle Geheimnisse werden verraten, alle Boshaftigkeiten, jede Hinterhältigkeit, alle Grausamkeiten kommen ans Licht. Wer dabei draufgeht, ahnt der Leser bald. Aber es bleibt nicht bei dem einen...

Liz Nugent: Kleine Grausamkeiten. Steidl Verlag 2021, 24.- €

Bremer Literaturpreis

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Eine Frau zieht mit 47 Jahren alleine in ein kleines, einfaches Haus auf dem Land irgendwo an der Küste, in die Nähe ihres Bruders, nachdem ihre Ehe vorbei ist, ihre Tochter sich auf den Weg in ihr eigenes Leben gemacht hat. Zu ihrem Mann Otis hegt sie weiterhin ein freundliches, liebevolles, ein wenig verwundertes Gefühl, zusammen leben können die beiden jedoch nicht mehr. Die Tochter Ann dagegen hat alles hinter sich gelassen und ist auf Reisen, was Otis mehr mitnimmt als die Erzählerin. „Otis findet, Kinder wecken Gefühle in dir und gehen los und lassen dich mit den Gefühlen im Regen stehen." Die Erzählerin nimmt ihre neue Lebenssituation mit all der Einsamkeit und den Verlusten, den Erinnerungen und Ängsten an, setzt sich damit auseinander und wächst langsam in ein neues Leben. Dabei helfen ihre auf sehr bodenständige Art unkonventionelle Nachbarin Mimi und deren Bruder Arild, mit dem die Erzählerin eine Liaison beginnt. Weniger hilfreich ist ihr Bruder, der in einer äußerst komplizierten Affäre mit der blutjungen und mit schweren Traumata versehenen Nike steckt. Die Erzählerin berichtet von ihrem neuen Leben, schreibt von Ausflügen, gemeinsamen Abendessen, einsamen Tagen und Nächten, Gesprächen mit Mimi, schreibt Briefe an ihren Mann und skypt mit der Tochter. Nichts Spektakuläres, und doch wird deutlich, dass eine neue Lebensphase für die Erzählerin beginnt, auch wenn sie selbst nicht sicher ist, ob sie in dem Haus und in dem Ort bleiben wird. Ebenso deutlich wird, dass es einzig und allein darum geht: um die Erzählerin und ihre Rolle in diesem Leben, wie es ihr geht, was sie denkt, fühlt, durchlebt. Es passiert nicht viel in diesem Roman, die marginalen politischen Diskussionen wirken eher wie Pflichttexte, es geht nicht um die Welt und die Menschheit, es geht um diese Frau. Dass man das Buch dennoch gerne und mit Interesse liest, liegt an der melancholisch-leichten Stimmung, die die Erzählerin mit leisem Humor, ein wenig Selbst-Distanz, guten Beobachtungen und einem überzeugend einfachen Stil schafft. So wie hier: „Ich denke, ich könnte eine andere sein, als die, die ich bin. Ich könnte auch eine sein, die jeden Morgen drei harte Eier zum Frühstück isst und dabei in einer Zeitung liest, in der es keine schlechten Nachrichten gibt, und ich staune darüber, dass ich immer noch glaube, entscheiden zu können, wer ich sein will und sein könnte."

Judith Hermann: Daheim. Fischer Verlag 2021, 21.- €

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