Bremer Literaturpreis

Judith Hermann kommt nach Brüssel und liest anlässlich der Verleihung des Bremer Literaturpreises in der Bremer LV am Donnerstag, 30.6.2022 um 18h00! Der Buchfink ist mit einem Büchertisch (Achtung: wie immer nur cash!) dabei! Bitte anmelden!

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Eine Frau zieht mit 47 Jahren alleine in ein kleines, einfaches Haus auf dem Land irgendwo an der Küste, in die Nähe ihres Bruders, nachdem ihre Ehe vorbei ist, ihre Tochter sich auf den Weg in ihr eigenes Leben gemacht hat. Zu ihrem Mann Otis hegt sie weiterhin ein freundliches, liebevolles, ein wenig verwundertes Gefühl, zusammen leben können die beiden jedoch nicht mehr. Die Tochter Ann dagegen hat alles hinter sich gelassen und ist auf Reisen, was Otis mehr mitnimmt als die Erzählerin. „Otis findet, Kinder wecken Gefühle in dir und gehen los und lassen dich mit den Gefühlen im Regen stehen." Die Erzählerin nimmt ihre neue Lebenssituation mit all der Einsamkeit und den Verlusten, den Erinnerungen und Ängsten an, setzt sich damit auseinander und wächst langsam in ein neues Leben. Dabei helfen ihre auf sehr bodenständige Art unkonventionelle Nachbarin Mimi und deren Bruder Arild, mit dem die Erzählerin eine Liaison beginnt. Weniger hilfreich ist ihr Bruder, der in einer äußerst komplizierten Affäre mit der blutjungen und mit schweren Traumata versehenen Nike steckt. Die Erzählerin berichtet von ihrem neuen Leben, schreibt von Ausflügen, gemeinsamen Abendessen, einsamen Tagen und Nächten, Gesprächen mit Mimi, schreibt Briefe an ihren Mann und skypt mit der Tochter. Nichts Spektakuläres, und doch wird deutlich, dass eine neue Lebensphase für die Erzählerin beginnt, auch wenn sie selbst nicht sicher ist, ob sie in dem Haus und in dem Ort bleiben wird. Ebenso deutlich wird, dass es einzig und allein darum geht: um die Erzählerin und ihre Rolle in diesem Leben, wie es ihr geht, was sie denkt, fühlt, durchlebt. Es passiert nicht viel in diesem Roman, die marginalen politischen Diskussionen wirken eher wie Pflichttexte, es geht nicht um die Welt und die Menschheit, es geht um diese Frau. Dass man das Buch dennoch gerne und mit Interesse liest, liegt an der melancholisch-leichten Stimmung, die die Erzählerin mit leisem Humor, ein wenig Selbst-Distanz, guten Beobachtungen und einem überzeugend einfachen Stil schafft. So wie hier: „Ich denke, ich könnte eine andere sein, als die, die ich bin. Ich könnte auch eine sein, die jeden Morgen drei harte Eier zum Frühstück isst und dabei in einer Zeitung liest, in der es keine schlechten Nachrichten gibt, und ich staune darüber, dass ich immer noch glaube, entscheiden zu können, wer ich sein will und sein könnte."

Judith Hermann: Daheim. Fischer Verlag 2021, 21.- €