Im Oktober gibt es zwei einmalig spannende Lesungen, die ursprünglich für das letzte Jahr vorgesehen waren, und die der Buchfink in Kooperation mit der Deutschen Botschaft organisiert und mit Büchertischen begleitet. Freuen Sie sich/freut euch auf:

 

Ines Geipel

https://www.whalll.be/spectacle/la-zone-disputee/

Matthias Brandt

https://www.whalll.be/spectacle/blackbird/

 

 

Wir freuen uns auf euch!

Gerade gelesen!

Die Geschichte von Agnes Bain und ihren Kindern, Leek, Catherine und Shuggie, spielt in den 1980er Jahren in Glasgow im Milieu der (arbeitslosen) Arbeiter, der Ex-Bergmänner und ihren Familien, allesamt arm, chronisch pleite und hungrig. Und durstig. Mittendrin strahlt Agnes Bain, schön wie Liz Taylor, elegant und stolz - und verzweifelt. Aus diesem Umfeld kommt sie nicht heraus, sie ahnt es, und sie beginnt, gegen die Angst und die Trostlosigkeit zu trinken. Sie ist noch jung und voller Erwartungen, Hoffnungen, Ansprüche und Träume, die sich alle nicht erfüllen werden. Es bleiben Langeweile, Überdruss, Leere, auch Wut und Enttäuschung, die sie mit Alkohol ertränkt. Noch ist alles im Rahmen, sie ist wunderschön, kann sich viel erlauben, die Zukunft liegt noch vor ihr. Sie verlässt mit Sohn und Tochter ihren ersten Mann, ein offenbar braver, treuer, langweiliger Katholik, den Agnes für einen Charmeur fallenlässt, einen schönen Draufgänger, der sich als zerstörerisches Arschloch herausstellt, als jemand, der sie unwiederbringlich kaputt verlassen wird, damit niemand anderes Freude an ihr haben kann. „Sie hatte ihn geliebt, und er hatte sie vollkommen brechen müssen, bevor er sie endgültig verließ. Agnes Bain war ein zu kostbares Exemplar, um sie der Liebe eines anderen zu überlassen. Er durfte nicht mal Scherben übrig lassen, die ein anderer später einsammeln und kleben könnte." 

 

Um das zu erreichen, zieht er mit ihr und den Kindern hinaus in ein kleines, eigenes Heim, das sich jedoch als wahres Höllenloch erweist: In einer endgültig abgehängten, toten Gegend mit stillgelegten Kohleminen und ebenso verlassenen und ausgelaugten Bewohnern lässt er Agnes allein. Sie trinkt und die anderen Trinker und Trinkerinnen zeigen sich von ihren abscheulichsten Seiten, ziehen sie immer wieder in den Abgrund. Doch noch bewahrt sie auch mitten im Elend eine Würde, einen Stolz und eine Schönheit, die vor allem ihr jüngster Sohn Shuggie bewundert. „Bei den Matheaufgaben war sie nicht zu gebrauchen, und an manchen Tagen verhungerte er regelrecht, bevor er von ihr eine warme Mahlzeit bekam, aber als Shuggie sie jetzt ansah, wusste er, dass genau das hier ihre Stärke war. Jeden Tag schminkte und frisierte sie sich und stieg mit hoch erhobenem Kopf aus ihrem Grab. Wenn sie sich im Suff blamiert hatte, war sie am nächsten Tag aufgestanden, hatte ihren besten Mantel angezogen und war der Welt entgegengetreten. Wenn ihr Magen leer war und ihre Kinder hungrig, machte sie sich zurecht und ließ sich von der Welt nichts anmerken."

 

Shuggie hat sowieso einen Sinn für Schönheit und Ordnung, der bei den Kindern seiner Umgebung gar nicht gut ankommt. Er wird als Schwuchtel und Mädchen verspottet und verfolgt. Seine Schwester hat sich früh verabschiedet und ist mit ihrem Verlobten nach Afrika gegangen, weit weg von der Mutter. Sein älterer Bruder Leek, der wunderbar zeichnen kann, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, er gibt dem Haus durch seine reine Anwesenheit zwar ein bisschen Autorität, doch weder kann er seine Mutter retten, noch kann er Shuggie helfen. Shuggie vergöttert seine Mutter und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, über sie zu wachen, sie zu beschützen, da zu sein, wenn sie wieder gesund wird. Und es gibt schöne Momente, es gibt ein ganzes Jahr, in dem Agnes trocken ist und eine gute Mutter. Der Rückfall ist eine der brutalsten Szenen des Buches, weil er aus so unerwarteter Richtung eingeleitet wird. Agnes aber wird nie wieder gesund werden, gegen den Alkohol und die Armut hat sie keine Chance, er nimmt ihr langsam den Stolz, die Würde, die Schönheit, er zerstört sie. Shuggie kann seine Mutter niemals retten, und erst ganz am Ende, als er schon längst völlig alleine mit Agnes dasteht, hat er Erbarmen mit ihr und mit sich.

 

Man fragt sich vielleicht, ob das nicht ermüdet, die trostlosen, demütigenden, brutalen, grausamen Szenen nacheinander, eine schlimmer als die andere. Nein, das tut es nie, im Gegenteil, atemlos und unter Hochspannung folgt man der Geschichte, man leidet unaufhörlich, mit Agnes, mit Shuggie, nie gibt es einen Moment zum Aufatmen, und die einzige Stelle, in der ein vielleicht glückliches Paar beschrieben wird, wo der Mann kein Schläger und Säufer ist, endet so, dass man – genau wie Agnes - lieber gar nichts erst von deren Leben erfahren hätte. Und doch: Manche Situationen und vor allem Dialoge sind auch derb komisch: Eine Kundin im Taxi auf den Hinweis, dass die jungen Leute nach Afrika gehen, um dort Diamanten zu schürfen: „Mir doch egal, watse da schürfen, von mir aus könnse im Arsch vonne Afrikaner Lakritz abbauen. Aber arbeiten sollense daheim in Glasgow, und essen sollense, wat die Mutti kocht." Der starke Glagow-Slang, der nach kurzem Gewöhnungsmoment ziemlich treffend rüberkommt, trägt seinen Teil dazu bei.

Und vor allem: Alle Personen sind so menschlich: so gewöhnlich und außergewöhnlich, so banal und genial, so überraschend und so vorhersehbar, so komplex. Und immer wieder kommen andere Sichtweisen ins Spiel, leise und unauffällig sieht man gerade noch durch die Augen des einen und ist dann im Kopf der anderen und erfährt kurz darauf, was der Dritte denkt. Das macht der Autor großartig, flüssig, elegant und bruchlos wechselt er die Perspektiven, so dass man ein ungeheuer vielschichtiges Bild erhält. Erst allmählich im Laufe der Geschichte verschieben sich die Schwerpunkte, bis schließlich am Ende Shuggie das Wort hat. 

Ja, die Geschichte bricht einem das Herz tausend Mal, aber sie zeugt auch von etwas ganz Besonderem: Sie zeigt, was Menschen können, selbst wenn sie zugrunde gehen: versuchen, Würde zu bewahren - und lieben. 

Douglas Stuart: Shuggie Bain. Hanser Berlin Verlag 2021, 26.- €

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