Gerade gelesen

Viel zu jung – mit 10 Jahren! - stirbt Holly bei einem Autounfall, und dazu noch im Streit mit ihrer Mutter. Da ahnt man gleich: Das kann es nicht gewesen sein, da muss noch etwas kommen. Und ob! Da kommen ganz viele herrlich fantasievolle Ideen, wie es im Himmel aussieht, was man da alles machen und nicht machen kann, was Holly erlebt, wen sie trifft. Verwirrend ist das am Anfang, und Holly ist froh, sofort Frida zu treffen, die schon seit 100 Jahren im Himmel unterwegs ist. Gemeinsam versuchen sie, in die Engelschule zu gelangen, denn nur Engel, das erfährt Holly von Frida, können zurück auf die Erde. Doch das ist alles andere als einfach. Denn in letzter Zeit hat sich im Himmel einiges verändert, es gibt einen neuen Oberboss, der strenge Regeln aufstellt – und der Frida verfolgt. Holly ist kaum im Himmel angekommen, da muss sie schon gemeinsam mit Frida fliehen und in einer Hals-über-Kopf-Aktion völlig unvorbereitet zurück auf die Erde. Nur leider nicht in ihrem eigenen Körper: „Und dann? Wenn dich jemand erkennt? Willst du etwa, dass es dir geht wie Jesus?" Holly wusste nicht genau, wie es Jesus gegangen war. „Der ist auch im eigenen Körper runter. Kurz nach seinem Tod. Das war eine Riesenaufregung. Das kannst du dir nicht vorstellen. Die Leute haben vor Schreck eine Religion gegründet." Als ältliches Paar erscheinen Holly und Frida schließlich bei Hollys Familie und stellen alles auf den Kopf... Herrlich komisch, voller origineller Ideen und mit einer flotten Story – ein großes Vergnügen!

Micha Lewinsky: Holly im Himmel. Diogenes Verlag 2022, 14.- €

Bremer Literaturpreis

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Eine Frau zieht mit 47 Jahren alleine in ein kleines, einfaches Haus auf dem Land irgendwo an der Küste, in die Nähe ihres Bruders, nachdem ihre Ehe vorbei ist, ihre Tochter sich auf den Weg in ihr eigenes Leben gemacht hat. Zu ihrem Mann Otis hegt sie weiterhin ein freundliches, liebevolles, ein wenig verwundertes Gefühl, zusammen leben können die beiden jedoch nicht mehr. Die Tochter Ann dagegen hat alles hinter sich gelassen und ist auf Reisen, was Otis mehr mitnimmt als die Erzählerin. „Otis findet, Kinder wecken Gefühle in dir und gehen los und lassen dich mit den Gefühlen im Regen stehen." Die Erzählerin nimmt ihre neue Lebenssituation mit all der Einsamkeit und den Verlusten, den Erinnerungen und Ängsten an, setzt sich damit auseinander und wächst langsam in ein neues Leben. Dabei helfen ihre auf sehr bodenständige Art unkonventionelle Nachbarin Mimi und deren Bruder Arild, mit dem die Erzählerin eine Liaison beginnt. Weniger hilfreich ist ihr Bruder, der in einer äußerst komplizierten Affäre mit der blutjungen und mit schweren Traumata versehenen Nike steckt. Die Erzählerin berichtet von ihrem neuen Leben, schreibt von Ausflügen, gemeinsamen Abendessen, einsamen Tagen und Nächten, Gesprächen mit Mimi, schreibt Briefe an ihren Mann und skypt mit der Tochter. Nichts Spektakuläres, und doch wird deutlich, dass eine neue Lebensphase für die Erzählerin beginnt, auch wenn sie selbst nicht sicher ist, ob sie in dem Haus und in dem Ort bleiben wird. Ebenso deutlich wird, dass es einzig und allein darum geht: um die Erzählerin und ihre Rolle in diesem Leben, wie es ihr geht, was sie denkt, fühlt, durchlebt. Es passiert nicht viel in diesem Roman, die marginalen politischen Diskussionen wirken eher wie Pflichttexte, es geht nicht um die Welt und die Menschheit, es geht um diese Frau. Dass man das Buch dennoch gerne und mit Interesse liest, liegt an der melancholisch-leichten Stimmung, die die Erzählerin mit leisem Humor, ein wenig Selbst-Distanz, guten Beobachtungen und einem überzeugend einfachen Stil schafft. So wie hier: „Ich denke, ich könnte eine andere sein, als die, die ich bin. Ich könnte auch eine sein, die jeden Morgen drei harte Eier zum Frühstück isst und dabei in einer Zeitung liest, in der es keine schlechten Nachrichten gibt, und ich staune darüber, dass ich immer noch glaube, entscheiden zu können, wer ich sein will und sein könnte."

Judith Hermann: Daheim. Fischer Verlag 2021, 21.- €

Die einzige, der diesen berühmten Wolfskodex hinterfragt, ist Beate, der Bär. Aber so nett und gemütlich, und so ohne eine Antwort wirklich zu erwarten, dass der Wolf ausweichen kann. Nur wir als Leserin machen uns Gedanken...und erfahren nie, was den Wolf wirklich dazu treibt, eine Langzeitbetreuung für ein Krebs-krankes Kaninchen (ausgerechnet!) zu übernehmen. Denn dieser Wolfskodex – rettest du mir das Leben, muss ich deins retten – ist tatsächlich etwas vage. Aber was soll's: Der Wolf hat jetzt jedenfalls ein Kaninchen mit langem Medikamentenplan am Hals, weil dieser Nager ihn vor einer Kugel des Jägers gerettet hat. Überhaupt, dieser Jäger: Mit seinem Hund Horst wird er wirklich zu einer Nervensäge, die Wolf und Kaninchen auf eine lange und anstrengende Flucht treibt. Bis eben Beate der Bär auftritt und Ruhe ins Geschehen bringt. Vorher allerdings geht es richtig ab, und gerade dieser Gegensatz der Western- und Ganovenfilm-reifen Fluchtgeschichte und Kaninchens schrecklicher Krankheit, ihrem elenden Zustand, ihrem Leid sowie Wolfs ruppiger Liebenswürdigkeit und rührender Hilfe macht den Reiz dieser wunderbaren Geschichte aus. Ach ja, und toll gezeichnet ist sie auch noch: ausdrucksstark, lebendig, witzig - all das mit einfachen Strichen. Große klasse!

Josephine Mark: Trip mit Tropf. Kibitz Verlag 2022, 20.- €

Was ist die größte Einsamkeit? Wenn dir nicht geglaubt wird? Wenn du nicht zeigen darfst, wer du bist? Oder wenn du begreifst, dass du jemanden nie wieder sehen wirst? Josefin ist sicher: jemanden nie wieder sehen zu können. Und genau das gilt für Hanna. Hanna, die Josefin den ersten Spitznamen ihres Lebens gab. Die ungleichlange, unlackierte Fingernägel hat. Mit der Josefin auf viele verschiedene Arten schweigen konnte. Und auf eine unnachahmliche Art durch den Regen gehen. Aber wer Hanna wirklich ist, hat Josefin nie erfahren. Sie weiß nur, dass ihr Leben hier, in Josefins kleiner Stadt, in ihrer Schule, erfunden war. Eins von vielen erfundenen Leben. Dass sie eigentlich keinen Kontakt mit Josefin haben durfte, aber trotzdem zum Abendessen in einer der internationalen Wochen von Josefins Mutter gekommen ist, trotzdem mit Josefin zur Sternwarte gegangen ist und zu ihrer Oma. Hanna, die Josefin nie angelogen hat, und ihr auch nie die Wahrheit gesagt hat. Wie kann man so leben? Wer ist man ohne Erinnerungen? Josefin weiß darauf keine Antwort. Aber für sie ist Hanna wie das Licht im All, das nie erlischt: „Alles, was je geleuchtet hat, bleibt."

Susan Kreller hat es wieder gemacht: Sie hat einen wunderschönen Roman geschrieben über eine einfache, fürchterlich komplizierte Sache. Wie im Schneeriesen, in den Elefanten, den Fischen. Und immer geht es auch und grundsätzlich um Freundschaft. Und man ist genau so verzaubert wie sonst auch von Krellers Sprache, so poetisch, so besonders, so schön. Sie lebt von den Vergleichen, den Wortkombinationen und unerwarteten Zusammenreihungen, dem leisen, zarten, manchmal beiläufigen Spiel mit den Worten. „Die ist nicht meine Freundin Kiesow. Die ist noch nicht mal eine flüchtige Bekannte, die ist eigentlich nur flüchtig und ansonsten total unbekannt. Mir zumindest." Wunderbar!

Susan Kreller: Hannas Regen. Carlsen Verlag 2022, 15.- €

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